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8
Apr
2013

Wolkenzüge und Raketenschirm

Die Trilogie „Wolkenzüge“ ist mit dem „Raketenschirm“ vollständig. Ich gratuliere dem Autor und Lyriker Immo Sennewald recht herzlich!

Ultental-Suedtirol-138
jbs


Haie und Wolkenzüge

In einem Haifischbecken schwimmen und von dort heraus unbeschadet Wolkenzügen nachschauen, das schafft nur eine Person in dem neuen Roman „Raketenschirm“ von Immo Sennewald. Und dieser 'wer' ist Gustav Horbel.
Jedoch sollte man nicht auf die Idee kommen, Horbel sei nur ein hoffnungslos verträumter Zeitgenosse mit mächtig viel Glück im Stasi-Land. Nein, die Hauptfigur, des im März 2013 im Salierverlag erschienen Buches, ist Anfang 60, im Osten der Bundesrepublik Deutschland, der ehemaligen DDR, geboren und aufgewachsen und wie bei einem Raketenabwehrsystem lernte Gustav Horbel im Laufe der Jahre mittels ureigener „Frühwarnradarstation“ anfliegende „Raketen“ erkennen, zu unterscheiden, zu handeln.

Gestaltete Geschichte

Der Autor Immo Sennewald blickt im „Raketenschirm“zurück auf das totalitäre Herrschaftssystem der DDR und er vergisst auf seiner literarischen Gipfeltour auch die parallelen Weltsituationen nicht. Er erzählt im Rückblick eine verflochtene Geschichte vom Stasiland, von intellektuellen Verwirrungen, von einem Protagonisten, der in Thüringen aufwächst und in Baden-Baden mit seiner Liebe, einer Chinesin, seine „Alterszeit“ endlich genießen darf.
Mit seinen Figuren erstellt er auf 335 Seiten ein Psychogramm Mächtiger und Verlierer. Er und sein träumender Chronist Gustav Horbel machen sich auf den Weg und starten den Versuch, Wahn, verhängnisvolle Irrtümer oder Ketten schicksalshafter Zufälle zu analysieren, gesellschaftliche Beziehungsgeflechte zu reflektieren. Sie vollziehen nach, wie die SED-Herrschaft im Alltag funktionierte, „welche Disziplinierungs-und Integrationsmechanismen griffen bzw. scheiterten und auf welche Formen von Zustimmung, Anpassung oder Widersetzlichkeit sie trafen.“

Aus einem Plädoyer ( Zeitzeugenschaft der Autors ) von Stefan Heym, gehalten 1986 auf dem PEN-Kongress in Hamburg, zitiert:

„Literatur ist nichts anderes als gestaltete Geschichte der Zeit, in welche der Autor hineingeboren wurde, der Erlebnisse, die er in dieser Zeit hatte, der Erfahrungen, die er machte, der Zustände, die er sah; er kennt nur seine Zeit, welche sonst sollte er gekannt haben, und selbst wenn er von einer anderen Zeit erzählt als der seinen, so ist es doch die seine, nur anders kostümiert und mit anderen Versatzstücken … Je besser ein Autor seine Zeit versteht, je mehr weiß er von ihrem Geschehen, desto zeitloser wird sein Buch sein, sein Stück, sein Film, sein Gedicht.“

Figuren-Karussell

Rund um Gustav Horbel gruppiert sich ein Figurenkarussell, das sich hauptsächlich im Bauch der ehemaligen DDR dreht. Zum Beispiel lernt man die rothaarige Silvia kennen, das „Stasikind“, zu der sich Gustav, nach einem kurzen Liebesabenteuer, bis ins sechzigste Lebensjahr hinein verbunden fühlt. Während Gustav sein Leben in Jahresringen lebt und ihm Erfahrungen abtrotzt, ist auch Silvia, Tochter zweier strammer Stasi-Eltern, existenziell betroffen. Abenteuerlich sind ihre drei Ehen, bis sie endlich als freiberufliche Künstlerin in Leipzig Ruhe zu finden scheint. Noch abenteuerlicher als ihre Ehen ist dann die Zuspitzung einer Begegnung mit ihrer linienharten Mutter und ihrem Halbbruder. Schlussendlich scheut sie sich dann nicht, gegen den Bruder die Waffe zu erheben und zu schießen.

Oder da ist Gabi Fürbringer. Für mich ist sie in diesem Roman eine sehr wichtige Schlüsselfigur. Ihr Schicksal dürfte gleichgesetzt werden mit vielen anderen tausender DDR-Frauenschicksale. Gabi, ehemalige Leistungssportlerin, ist die Frau von Anton, beide haben eine Tochter: Clara. Anton Fürbringer, ein Wissenschaftler und ehemaliger Kollege von Gustav, verfällt langsam dem Wahn. Seine Ideen, seine Arbeit, finden im ehemaligen DDR-Forschungsministerium kein Gehör und keine Anerkennung. Er „flieht“ zu seinen Eltern nach Israel. Dort vegetiert er dahin und stirbt viel zu früh. Gabi hat den Kontakt zu ihm abgebrochen, nachdem auf jahrelangen schriftlichen Versuchen hin, keine Antworten folgen. Sie zieht also ihre gemeinsame Tochter Clara alleine auf. In Claras entscheidender Wachstumsphase muss die Mutter ins Frauengefängnis nach Hoheneck, die Tochter zieht zu den Eltern von Gabi. Nach ihrer Haftentlassung wird Gabi nie wieder ein unbeschwertes Mutter-Tochterverhältnis erleben können. Immo Sennewald erzählt diesen Teil der Geschichte sehr realitätsnah und unglaublich einfühlsam.

Als weitere Figur sitzt Matthias Montag in diesem Karussell. Auch er spielt eine äußerst wichtige Rolle im „Raketenschirm“. Anfangs noch ein Schulfreund aus alten Lauterbergtagen, legt er später eine steile Karriere im DDR-System hin. Seine wahnartige Affinität zum weiblichen Geschlecht, die zeitweise masochistische Züge annimmt, lässt ihn sogar einen schrecklichen Mord ausführen. Oder entsteht diese Tat nur als Vorstellung im Kopf von Montag und mir als Leserin? Spannend, sehr spannend!
Wie das Leben des Matthias Montag weitergeht, wie er fällt, sich wieder aufrafft, um irgendwann im warmen Polster der Wiedervereinigung zu versinken, zu verschwinden - Sennewald schafft den Spagat, Wahnvorstellung und Realität zu vermischen.

Bleib nicht stumm

Auf vielen Seiten vom „Raketenschirm“ findet man Gustav Horbel's Erklärungen, warum er sein Leben so lebt und nicht anders.
Auf Seite 299 verdeutlicht er es Matthias Montag ( aus dieser Figur schillert übrigens Markus Wolf, der ehemalige DDR-Spionagechef ), warum er Systeme wie das der DDR verachtet:

„... Leider hat es nicht funktioniert. De Sade war ein Philosoph, er hatte das verstanden. Bei keiner der Bewegungen, die das Böse in der Welt auszurotten versprachen, hat es funktioniert, nur die Ausrottungstechniken wurden verbessert, die zum Schutz davor ebenso. Die Raketen treffen nicht das Böse – der Raketenschirm schützt nicht das Gute. … „

Fazit

Dieser Roman ist in hohem Maße aktuell und beeindruckend. Das liegt sicherlich daran, weil es dem Autor gelingt, den Blick des Lesers auf die individuellen Schicksale seiner Figuren zu lenken und die DDR-Zeitgeschichte bildlich wiederzugeben.
Manchmal habe ich mir gewünscht, Immo Sennewald hätte noch ein Buch geschrieben. Obig geschilderte Personenschicksale sind nämlich nur ein Teil des Romans. Quasi nebenbei gibt das Werk kaleidoskopartig einen Überblick auf die vom Autor angesammelte Lebenserfahrung in Bezug auf die ehemalige DDR ( siehe oben eingefügtes Zitat von Stefan Heym) und seines eigenen beruflichen Lebens als Physiker und Theaterregisseur.

Waffenindustrie und- handel, die „Aufklärung“ des Rohweddermordes im Jahr 1991( eine fiktive Aufklärungsepisode im „Raketenschirm“ ), E.T.A. Hoffmann 's Mönch Medardus und der Sandmann, sie alle tauchen auf in diesem Stück Zeitgeschichte. Die intellektuelle Brisanz dieses Buches besticht. Nichts darf vergessen sein ist Sennewald's Legat.
Ein sehr reiches Buch! Sehr lesenswert!

jbs im April 2ooodreizehn

Die kursiv gehaltenen Textstellen sind Zitate aus dem Roman "Raketenschirm" und aus dem Artikel "Herrschaft und Gesellschaft in der DDR-Provinz ( siehe eingefügten ersten Link) sowie Stefan Heym's Zitat aus dem "Arche Literatur Kalender 2013"

Deutsche Geschichte – DDR-Machenschaften – Stasi – illegale Waffengeschäfte - Liebesgeschichte - Schelmenroman - perfektes Verbrechen – Frauengefängnis Hoheneck – Familienzusammenführung - Masochismus – Wahn – E.T.A. Hoffmann


Herrschaft und Gesellschaft in der DDR-Provinz
http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/Forschung/Forschungsprojekte/Forschungsprojekte_herrschaft_provinz.html

Die Internationale Schriftstellervereinigung
Ihre deutsche Geschichte
Ihre Aufgaben

http://www.boell.de/downloads/democracy/PEN_Broschuere_65.pdf

Das perfekte Verbrechen
http://www.focus.de/politik/deutschland/raf/tid-9310/detlev-karsten-rohwedder_aid_266442.html

Wer erschoss den Treuhandchef Rohwedder? 1/5 - Trailer
http://www.youtube.com/watch?v=d6m6dNmdtsA

Frauengefängnis Hoheneck
http://hoheneck.wordpress.com/zuchthaus-hoheneck/

Blog des Autors Immo Sennewald zum Buch Raketenschirm
http://raketenschirm.com/
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lou salome

"Vielleicht war vor den Lippen schon das Flüstern da und ohne Bäume tanzte schon das Laub."Ossip Emiljewitsch Mandelstam

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Zuletzt aktualisiert: 11. Sep, 12:40

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