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LLLL

LLLL = Lange Lange Lese Liste


Martin von Arndt
Tage der Nemesis


Martin von Arndt
Oktoberplatz



Immo Sennewald
Raketenschirm


Hans Zengeler
Das letzte Geheimnis


Jost Renner
LiebesEnden


Peter Handke, Lojze Wieser, Frederick Baker
Die Sprachenauseinanderdriftung


Joachim Zelter
untertan


Joachim Zelter
Der Ministerpräsident


Alain Claude Sulzer
Aus den Fugen


Milena Michiko Flašar
Ich nannte ihn Krawatte


Miklós Radnóti
Gewaltmarsch


Michael Moshe Checinski
Die Uhr meines Vaters


Steve Sem-Sandberg
Die Elenden von Łódź

BuchBeSprechUngen

16
Dez
2012

Oktoberplatz

Archivarisches IV

Oktoberplatz

Wahrlich meisterhaft geschrieben!

Martin von Arndt erzählt in seinem neuen Roman „Oktoberplatz“ eine äußerst spannungsreich auskalkulierte Story über die politische Entwicklung Weißrusslands und charakterisiert dessen Hintergründe souverän. Und das Ganze in seiner so typischen Art und Weise, Prosa lyrisch zu untermalen. Und von Arndt wäre nicht von Arndt, würde er nicht wieder einen tragischen Helden für seine Geschichte auswählen.
Wasil Mikalajewitsch prägt diese Rolle und der Autor nimmt den Leser mit nach Hrodna, dem Städtchen im Belarus, in dem Wasil 1974 geboren wird. Er wächst dort mit drei, fast gleichaltrigen, Tantchen auf, mit denen er nacheinander in inzestuösen Verhältnissen leben wird. „Skandal“ möchte man anfangs meinen. Was für ein „Skandal“. Nicht nur einen Mord an eine der Tanten klügelt er aus, nein, er stürzt sich auch noch in sexuelle Abhängigkeiten.

Nachdem seine engste Bezugsperson, der Großvater Istvan, wegen abnormen Alkoholkonsums tödlich verunglückt, die Familie nach der Bestattung eine Neuorientierung sucht, findet Wasil in einem Garagenversteck das Vermächtnis seines Vaters: „ … eine so große Summe Devisen, dass ich, für diesmal, nicht nur eine Augenbraue hob. Dann lag da noch ein Zettel, auf den Vater in Großbuchstaben geschrieben hatte. 'Mach was aus deinem Leben. Am besten hau ab von hier'.“

Wasil's Gedanken fangen an „wie in einem Elektronenbeschleuniger die Arbeit aufzunehmen“ und er stellt 1999 nach einer unruhigen Nacht fest: „Ich war siebzehn Jahre alt. Ich war frei. Und das Land meiner Geburt hatte aufgehört zu existieren.“

Er wird abhauen. Immer auf der Suche nach Heimat, Bodenständigkeit und Freiheit in den wirren Zeiten der Neuorientierung von Belarus und den postsowjetischen Nachbarstaaten.

In diesen Monaten übernimmt ein autokratischer Präsident die Regierungsarbeit und die Menschen im Belarus müssen sich, nachdem das Weißrussische schon von Stalin unterdrückt wurde, erneut einer Diktatur stellen.
Genau in dieser Zeit reist Wasil nach Ungarn aus, in das Land seiner Vorfahren. Auf dem Paßamt in Hrodna will der Beamte der Regierungsbehörde OWIR kein Verständnis für die Ausreise aufbringen, denn „ Jetzt wird hier endlich unsere Sprache gesprochen … und da kommen Sie daher, ein junger Mensch, und wollen weg.“
Seine Ausreise fällt in die zaghafte Wiedergeburt der weißrussischen Sprache, die, wie oft gedacht, kein Dialekt, sondern wie das Ukrainische, eine eigene ostslawische Sprache ist und als fast ausgestorben angesehen werden konnte. Russisch gilt als erste Amtssprache. Aber das interessiert Wasil nicht. Er ist ein Heimatsuchender, ein für die „Hiesigen kein Hiesiger.“

Wasil „ … kehrte zurück zu Großpapa, in Großpapas Land. Wie meine Landsleute: Alle kehrten wir zurück zu unseren Großvätern, Nur daß die anderen Belarussen das Land nie verließen, es kam einfach zu ihnen. Es kam über sie. Und die meisten haben es nicht einmal gewollt.“

Metaphern auf die politisch-geschichtlichen Hintergründe der sogenannten Präsidialrepublik Weißrusslands finden sich immer wieder, schon ganz zu Beginn des Romans, wenn von Arndt Zeilen aus der Songlyrik der russischen Musikband N.R.M.: „Drei Schildkröten“ zitiert:

„ Wenn du in der Kommunalka ( Gemeinschaftswohnung)
plötzlich die Ausdünstungen riechst
Und dich das Leben in den Schwitzkasten nimmt
Wirst du verstehen, daß nach wie vor
Drei Schildkröten diese Welt ziehen.
Warte nicht ab, es wird keine Überraschungen geben.“


Ein Bild will sich dann nach dem Lesen öffnen: Eine schildkrötenhaft langsame Entwicklung von politischen Troikas postsowjetischer Staaten. Stillstand von Entwicklungen nicht ausgeschlossen.

Oder eine Dreiecksgeschichte. Drei Schildkröten. Drei Republiken. Drei Tanten. Jede steht für ein Land. Marya für Polen, Tatsiana für Ungarn, Alezja für Belarus.
Und mittendrin der Antiheld Wasil Mikalajewitsch.
Aber zum Ende des Romans hin, lösen sich diese Interpretationsansätze in Luft auf. Denn ab Seite 219 taucht ein Gedicht von Thomas Wolfe aus „Tod, der stolze Bruder“ auf, welches als Schlüsselszene zum gesamten Werk angesehen werden kann.

„Sie kommen,
meine großen dunklen Pferde kommen!
Mit dem sachten und rauschenden Innern ihrer Hufe.
Die Pferde des Schlafs galoppieren,
galoppieren über das Land.“

Über diese Verse kommen sich Wasja und seine jüngste Tante Marya sehr nahe. Seelenverwandtschaft trifft den Kern. Wasja steht ab dem Zeitpunkt endgültig einem Wendepunkt in seinem Leben gegenüber. Er muss sich entscheiden.
Von da an überschlagen sich die Ereignisse. Wasja schreckt nicht zurück, einen Mord zu planen. Ein mitreißender Schluß.

Martin von Arndt hat mit diesem Roman erneut gezeigt, was für ein grandioser Erzähler er ist. Mit einer unglaublich farbigen, lyrischen und suggestiven Sprache beschwört er wunderbar poetische Bilder vor das Auge des Lesers, man möchte einzelne Textstellen ständig wiederholen.
Ein Lesegenuss!

jbs
22.Mai 2ooozwölf

Buch und Verlag:
http://www.vonarndt.de/pdf/oktoberplatz-vorschau.pdf

Trailer zum Buch:
http://www.youtube.com/watch?v=Mnj3frt9okc

Bucherwerb:
http://www.amazon.de/Oktoberplatz-Meine-gro%C3%9Fen-dunklen-Pferde/dp/3863510232/martinvonarndt

30.05.2012 nachgereicht:
Deutschlandfunk-Büchermarkt. Lerke von Saalfeld - Martin von Arndt - Ein Interview

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1769330/

Die kursiv geschriebenen Textstellen sind Zitate aus dem Buch "Oktoberplatz"

4
Dez
2012

Archivarisches II ...

Blick vom Turm

Der Roman „Blick vom Turm“ von Immo Sennewald erschien im Salierverlag 2008.

Blick-vom-Turm

Buchbesprechung vom 31.08.2010

Zwölf Sätze lang fliegt der Leser auf der ersten Seite mit Gustav Horbel beschwingt durch die Lüfte, bevor ein klatschendes Lineal vor den Fingern Horbels ihn und den Leser aus einem Tagtraum reisst.
Und schon befindet man sich mittendrin im gesellschaftlichen Geschehen der DDR im Sommer 1968.
Der Autor Immo Sennewald entrollt auf 389 Seiten die Sommergeschichte eines verträumten Abiturienten. Mit Mutter und „Omma“ lebt dieser in der fiktiven thüringischen DDR-Ortschaft Lauterberg.
Mit Elementen eines Tagebuchromans gelingt Sennewald ein gelungenes Zusammenspiel mit Elementen aus Gesellschaftsportait, Charakterportrait, Lebensgeschichte und Jugenderinnerungen.
Der Leser spürt mit Hilfe der Tagebucheintragungen einer weit zurückliegenden Liebesgeschichte nach, die sich im Laufe der Erzählung zu einem Krimi entwickelt.

Hinzu kommen mehrere Nebenschauplätze, die ihren Vorhang zu einem kleinen Welttheater öffnen, das aus dieser Zeit ein ernstes und trauriges Stück DDR-Zeitgeschichte festhält.

Szenen, die ein Schmunzeln auslösen, manchmal sogar ein Lachen oder Schadenfreude beim Leser herrufen findet man aber auch, z.B. auf den Seiten 311 bis 312, in der ein wichtiger Freund von Gustav Horbel im Halbschlaf voller Panik an eine zurückliegende Nacht denkt, die ihn mit einer „monströsen Frauenfigur mit dem Damenbart“ zusammengeführt hatte. Da der Leser die Vorgeschichte des Freundes auf diesen Seiten schon kennt, kann Schadenfreude einfach nicht ausbleiben.

Einzig und allein empfand ich manch ausführlichen Tagebucheintrag zu langatmig, doch zum Verständnis der alten Liebesgeschichte gehören sie dazu.

Sennewald gelingt im „Blick vom Turm“ eine gelungene Orchestrierung. Das Zusammenspiel seiner gegensätzlichen Charaktere macht den Weg frei für eine einmalige Erzählung, die zwischen der beängstigenden Überwachung und Umklammerung der damaligen DDR - Bürger und den verträumten Wünschen eines Heranwachsenden schwankt.

Lesen?
Lesen!

29
Nov
2012

Archivarisches ...

Im lou-salome-Archiv gekramt und gefunden:

Istrien-2008-475-
jbs
pula 2oooacht


„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“
Franz Kafka

Philippe Claudel, Jahrgang 1962, ist ein französischer Schriftsteller. 2006 erschien von ihm das Buch „ Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung“ im Rowohlt Verlag.

Zuerst ist man verwirrt, da „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ von Eric Emmanuell Schmitt längst Eingang in unseren Kopf bekommen hat - und nun ein fast gleicher Buchtitel?
Im Original heißt der Roman von Philippe Claudel „ La petite fille de Monsieur Linh“ ( „Die Enkeltochter des Monsieur Linh“).
Es liegt nahe, dass aus verkaufstaktischen Gründen der französische Buchtitel nicht für den deutschen Buchmarkt übernommen wurde.

Die Geschichte erzählt von einem Greis aus asiatischem Raum, der mit seiner erst ein paar Wochen alten Enkelin als Flüchtling nach Frankreich kommt. Völlig geruchlos empfindet er diese Welt, in der er sich zurecht finden muss, weil er für seine kleine Enkelin aus der zerbombten Heimat geflohen ist.
Schon nach drei Seiten ( auf Seite 10 des Buches) erahnt der Leser, auf was er sich emotional einlassen wird:

„ Der alte Mann ist losgelaufen. Außer Atem ist er beim Reisfeld angekommen, von dem nur noch ein riesiges, mit plätscherndem Wasser gefülltes Loch übrig war, und am Rand des Kraters lag der aufgerissene Kadaver eines Büffels. Sein Joch war zerknickt worden wie ein Strohhalm. Dort fand er auch die Leichname seines Sohnes und dessen Frau sowie, ein paar Schritte weiter, die Kleine, mit weit aufgerissenen Augen, in Windeln gewickelt, unversehrt, und neben ihr eine Puppe, ihre Puppe, so groß wie sie selbst, der eine Explosion den Kopf abgerissen hatte. Das kleine Mädchen war zehn Tage alt. Ihre Eltern hatten sie Sang diû genannt, was in der Sprache ihres Heimatlandes >> süßer Morgen << bedeutet.“

Monsieur Linh fühlt sich leer, einsam und entwurzelt. Nur die Gegenwart seiner Enkelin und die damit verbundene Aufgabe, ihr jeden Tag einen neuen Morgen zu zeigen, hält ihn am Leben.
Nach anfänglicher Zurückgezogenheit inmitten seiner Leidensgenossen in einem Flüchtlingsheim, fasst er Mut und geht auf die Straße zum Spazieren gehen. Immer mit Sang diû auf dem Arm.
So vergehen viele Wochen im gleichen Trott, Monsieur Linh lernt „seine“ Straße immer besser kennen, aber die Einsamkeit, trotz Enkelin, bleibt. Gegenwärtige Alltagsbilder, die er bei seinen Spaziergängen beobachtet, vermischen sich mit Erinnerungen aus seiner Heimat.

„ Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, drängen sich zahllose Familien am Eingang des Parks, andere kommen heraus. Die beiden bunten, lärmenden Ströme fließen ineinander und bilden große Strudel wie jene, die man in der Regenzeit im Fluss der Schmerzen unweit des Dorfes sieht.
Der Fluss heißt so, weil der Legende nach ...“ Seite 45.


Und dann kommt der Tag, der das Leben von Monsieur Linh erneut verändern wird. Er lernt Monsieur Bark kennen. Einen großen kräftig gebauten Franzosen, der von Statur her das Gegenteil vom klapperdürren Linh ist. Während Bark eine Zigarette nach der anderen raucht, erzählt er Monsieur Linh vom Tod seiner Frau, vom Leben ohne sie und ohne Kinder, von seinem Einsatz als Soldat in (wahrscheinlich) Indochina und die damit verbundenen Greueltaten. Monsieur Linh versteht nicht ein Wort der fremden Sprache, aber er spürt die Wärme, die von der anfangs noch unbekannten Person ausgeht. Und so entwickelt sich eine intensive Freundschaft zwischen den beiden Männern, die auch nicht aufhört, als Monsieur Linh von den Behörden abgeholt wird und in ein am Stadtrand gelegenes Altenheim gesteckt wird.

Von dort versucht Monsieur Linh auszubrechen, was ihm aber erst nach einem missglücktem Versuch gelingt.
Die Erzählung läuft am Ende auf ihren Höhepunkt zu, in dem der Greis mit seiner Enkelin auf der verzweifelten Suche nach seinem Freund Bark durch die riesige Stadt irrt, ihn zum Schluß dann tatsächlich auf der Straßenseite endeckt, auf der ihre gemeinsame Bank steht, die ihnen wochenlang als Treffpunkt gedient hatte.
Philippe Claudel lässt seine Erzählung mit einer gelungenen Schlußpointe enden.


Man könnte meinen, manche der vorangegangenen Rezensenten haben nicht ganz Unrecht, wenn sie in ihrer Kritik die manchmal kitschig anmutenden Szenen erwähnen. Leider kann ich zu wenig französisch, ich hätte das Büchlein nämlich dann in der Sprache gelesen, in der es entstanden ist. Ich bin mir sicher, dass die Übersetzung nicht ganz glücklich verlaufen ist und somit könnte tatsächlich obig beschriebener Eindruck erweckt werden.
Aber Beschreibung von Krieg und Massakern kann nie kitschig sein, nur aufs Äußerste tragisch.
Länder-oder Städtenamen werden übrigens nie genannt und doch wird dem genauen Leser das Massaker von My Lai vom 16. März 1968 vor Augen geführt.

Philipp Claudel's Sprache ist einfach und klar. Aber auch raffiniert. Eindrücklich erzählt er von einem im Herzen zutiefst verletzten Menschen, der nach schlimmsten Kriegserlebnissen entwurzelt wird und trotzdem die Hoffnung nicht verliert, weil ihm die Sorge um das Enkelkind Grund gibt, weiterzuleben.
Mit den >>Großen Gefühlen, wie Tod und Trauer, Verzweifelung, aber auch Fürsorge, Freundschaft und Liebe<< beschreibt Claudel die Großvaterrolle und die Freundschaft zwei alter Männer.

Claudel's kleines literarisches Werk gehört in die Reihe von Alessandro Barrico's „Seide“ und „Novecento“ sowie Eric Emmanuell Schmitt's „Die Dame in Rosa“ und „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.

Wenn sich der Verlag für eine andere Umschlaggestaltung entschieden hätte, dann wäre alles rund gewesen.
jbs 2010


Das letzte Zitat ist aus:
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/532796/

4
Nov
2012

Ich nannte ihn Krawatte

Milena Michiko Flašar

"Wer in einem Lachen nichts anderes als ein Lachen hört, der ist taub."

Eine weitere, zu beachtende junge Schriftstellerin ist in meinen Augen Milena Michiko Flašar.
Sie wurde 1980 in St. Pölten, Österreich, geboren und ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters.
Ihr Buch " Ich nannte ihn Krawatte", 2012 im Wagenbachverlag erschienen, lohnt sich sehr zu lesen.

Hikikomori und Salaryman

Der Inhalt des Buches beschreibt eine immer intensiver werdende Begegnung-Beziehung zweier Männer. Der Jüngere der beiden Japaner, der zwanzigjährige Taguchi Hiro, will sich anfangs auf gar keine Begegnung einlassen. Er gehört zu den vielen tausenden Personen in Japan, die als Hikikomori bezeichnet werden. Es sind Menschen, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren.

" ... Nach wie vor ging es mir darum, für mich zu sein. Ich wollte niemandem begegnen. Jemanden zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lauter Fäden. Kreuz und quer. Jemandem zu begegnen bedeutet, Teil seines Gewerbes zu werden, und dies galt es zu vermeiden."

Taguchi Hiro verstrickt sich in diesen Gedanken, der Tod einer Schulkameradin wirft ihn aus der Bahn. Sie wurde so sehr in der Schule gemobbt, dass sie den Freitod wählte. Und obwohl Taguchi sie mochte, half er ihr nicht. Nach dem Freitod des Mädchens zog Taguchi sich immer mehr zurück. Er bricht den Kontakt zu seinen Eltern ab, er wird ein Hikikomori. Und dann kommt doch irgendwann ein Tag, der den Wendepunkt in seinem Leben einläuten wird.
Er verlässt das Haus.
Drückt sich auf Straßen herum, findet in einem Park eine Bank, auf der er den ganzen Tag sitzt, tagelang, wochenlang, nur mit kurzen Unterbrechungen, um im Elternhaus zu schlafen und zu essen.

Und plötzlich ist er nicht mehr allein auf seiner Parkbank. Ein etwas älterer Herr, ein Salaryman, so bezeichnet man in Japan männliche Firmenangestellte, der tagein tagaus in gleichbleibender Ruhe seine Zeitung liest, sein Bentō auspackt und isst und sogar auf der Bank schläft, wird sein täglicher Begleiter.

Die Lüge

Der Salaryman erzählt von seiner Ehe, seiner liebevollen Frau, seinem behinderten Kind, das er nie angenommen hatte und das früh starb. Von der Isolation, in die sich das Ehepaar zurückzog, um den Schmerz auszuhalten. Und davon, dass er seinen Arbeitsplatz verloren habe und seiner Frau nichts davon erzählt hätte.

Was ich sagen möchte. Die Lüge hat ihren Preis. Einmal gelogen, findet man sich in einem anderen Raum. Man lebt unter einem Dach, hält sich in denselben Zimmern auf, schläft im selben Bett, wälzt sich unter einer Decke. Die Lüge aber frisst sich mitten hindurch. Sie ist ein Graben. Unüberbrückbar. Sie macht, dass ein Haus in zwei Teile zerfällt. Und wer weiß, ob es sich mit der Wahrheit nicht ebenso verhält?

Kleines Fazit für großartigen Text

Zwei Aussenseiter finden sich im Roman. Erzählen sich ihre Lebensgeschichte, die für den Einen ein endgültiger Abschied wird, für den Anderen ein Anfang.

Einmal mit dem Buch begonnen, dem wird es schwer fallen, es zwischendurch abzulegen, um Alltägliches zu erledigen. Am Besten ist es, sich für die 136 Seiten einen Zeitpunkt auszusuchen, der es einem ermöglicht, diese poetische Sozialstudie in einem Rutsch durchzulesen.

jbs 2ooozwölf

Lesung Milena Michiko Flasar "Ich nannte ihn Krawatte"
(Wagenbach Verlag), Literaturhaus Salzburg, Mai 2012
Veranstalter: Verein Literaturhaus

http://www.youtube.com/watch?v=wGqj3Ucs4mc

Die kursiv gehaltenen Textstellen sind Zitate aus dem obigen Buch.

18
Aug
2012

Ein Chronist der Elenden ...

... Steve Sem-Sandberg und sein Roman "Die Elenden von Lodz"

"Die Elenden von Lodz" von Steve Sem-Sandberg, "Die Uhr meines Vaters" von Michael Moshe Checinski und "Die Bücherdiebin" von Markus Zusak ... über jedes dieser Bücher hätte ich gerne einen Leseeindruck hinterlassen. Aber es ist mir unmöglich, nach der Lektüre passende Worte zu finden.
Nur so viel sei gesagt, Sem-Sandbergs Roman finde ich, trotz Kritik von Seiten von der Holocaust-Forscherin Monika Polit, gelungen und unbedingt lesenswert!

Ich möchte aus einer der vielen Rezensionen/Buchbesprechungen zitieren:
"2009 kamen „Die Elenden von Lodz“ heraus, keine Dokumentation, auch kein Dokumentar-Roman, obwohl sich Sem-Sandberg, wo immer möglich, auf dokumentarisches Material stützt, vor allem auf die mehrere tausend Seiten umfassende Chronik des Gettos von Lodz. Er verwandelt vielmehr die Fakten in Fiktion. Ich möchte, in Anlehnung an den Marxschen Begriff der Realabstraktion von einer „Real-Fiktion“ sprechen. „Die Elenden von Lodz“ beschreiben etwas, was sich nicht beschreiben lässt. Schweigen wäre tatsächlich die angemessene Reaktion. Doch, um die Wahrheit zu sagen, muss das Schweigen beredt werden. Sem-Sandberg re-konstruiert, aus dem vorhandenen Material, das er nach ästhetischen Gesichtspunkten arrangiert, die Geschichte. Im Ergebnis erscheint, nur scheinbar paradox, Wahrheit ..." Martin Lüdke in www.faust-kultur.de

Deutschlandradio Kultur hält auch eine Kritik vom 26.09.2011 vor:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1563224/

Weitere Links zum Thema Getto Lodz und Holocaust:

http://www.holocaustliteratur.de/taetigkeiten/projekte/abgeschlossene-projekte/getto-chronik.html

http://faustkultur.de/kategorie/literatur/buchkritik-sandberg.html#.UC_DF90aPiV

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1563224/

http://www.rbb-online.de/kowalskitrifftschmidt/archiv/kowalski_trifft_schmidt/die_elenden_von__od.html

22
Mai
2012

Oktoberplatz

Oktoberplatz

Wahrlich meisterhaft geschrieben!

Martin von Arndt erzählt in seinem neuen Roman „Oktoberplatz“ eine äußerst spannungsreich auskalkulierte Story über die politische Entwicklung Weißrusslands und charakterisiert dessen Hintergründe souverän. Und das Ganze in seiner so typischen Art und Weise, Prosa lyrisch zu untermalen. Und von Arndt wäre nicht von Arndt, würde er nicht wieder einen tragischen Helden für seine Geschichte auswählen.
Wasil Mikalajewitsch prägt diese Rolle und der Autor nimmt den Leser mit nach Hrodna, dem Städtchen im Belarus, in dem Wasil 1974 geboren wird. Er wächst dort mit drei, fast gleichaltrigen, Tantchen auf, mit denen er nacheinander in inzestuösen Verhältnissen leben wird. „Skandal“ möchte man anfangs meinen. Was für ein „Skandal“. Nicht nur einen Mord an eine der Tanten klügelt er aus, nein, er stürzt sich auch noch in sexuelle Abhängigkeiten.

Nachdem seine engste Bezugsperson, der Großvater Istvan, wegen abnormen Alkoholkonsums tödlich verunglückt, die Familie nach der Bestattung eine Neuorientierung sucht, findet Wasil in einem Garagenversteck das Vermächtnis seines Vaters: „ … eine so große Summe Devisen, dass ich, für diesmal, nicht nur eine Augenbraue hob. Dann lag da noch ein Zettel, auf den Vater in Großbuchstaben geschrieben hatte. 'Mach was aus deinem Leben. Am besten hau ab von hier'.“

Wasil's Gedanken fangen an „wie in einem Elektronenbeschleuniger die Arbeit aufzunehmen“ und er stellt 1999 nach einer unruhigen Nacht fest: „Ich war siebzehn Jahre alt. Ich war frei. Und das Land meiner Geburt hatte aufgehört zu existieren.“

Er wird abhauen. Immer auf der Suche nach Heimat, Bodenständigkeit und Freiheit in den wirren Zeiten der Neuorientierung von Belarus und den postsowjetischen Nachbarstaaten.

In diesen Monaten übernimmt ein autokratischer Präsident die Regierungsarbeit und die Menschen im Belarus müssen sich, nachdem das Weißrussische schon von Stalin unterdrückt wurde, erneut einer Diktatur stellen.
Genau in dieser Zeit reist Wasil nach Ungarn aus, in das Land seiner Vorfahren. Auf dem Paßamt in Hrodna will der Beamte der Regierungsbehörde OWIR kein Verständnis für die Ausreise aufbringen, denn „ Jetzt wird hier endlich unsere Sprache gesprochen … und da kommen Sie daher, ein junger Mensch, und wollen weg.“
Seine Ausreise fällt in die zaghafte Wiedergeburt der weißrussischen Sprache, die, wie oft gedacht, kein Dialekt, sondern wie das Ukrainische, eine eigene ostslawische Sprache ist und als fast ausgestorben angesehen werden konnte. Russisch gilt als erste Amtssprache. Aber das interessiert Wasil nicht. Er ist ein Heimatsuchender, ein für die „Hiesigen kein Hiesiger.“

Wasil „ … kehrte zurück zu Großpapa, in Großpapas Land. Wie meine Landsleute: Alle kehrten wir zurück zu unseren Großvätern, Nur daß die anderen Belarussen das Land nie verließen, es kam einfach zu ihnen. Es kam über sie. Und die meisten haben es nicht einmal gewollt.“

Metaphern auf die politisch-geschichtlichen Hintergründe der sogenannten Präsidialrepublik Weißrusslands finden sich immer wieder, schon ganz zu Beginn des Romans, wenn von Arndt Zeilen aus der Songlyrik der russischen Musikband N.R.M.: „Drei Schildkröten“ zitiert:

„ Wenn du in der Kommunalka ( Gemeinschaftswohnung)
plötzlich die Ausdünstungen riechst
Und dich das Leben in den Schwitzkasten nimmt
Wirst du verstehen, daß nach wie vor
Drei Schildkröten diese Welt ziehen.
Warte nicht ab, es wird keine Überraschungen geben.“


Ein Bild will sich dann nach dem Lesen öffnen: Eine schildkrötenhaft langsame Entwicklung von politischen Troikas postsowjetischer Staaten. Stillstand von Entwicklungen nicht ausgeschlossen.

Oder eine Dreiecksgeschichte. Drei Schildkröten. Drei Republiken. Drei Tanten. Jede steht für ein Land. Marya für Polen, Tatsiana für Ungarn, Alezja für Belarus.
Und mittendrin der Antiheld Wasil Mikalajewitsch.
Aber zum Ende des Romans hin, lösen sich diese Interpretationsansätze in Luft auf. Denn ab Seite 219 taucht ein Gedicht von Thomas Wolfe aus „Tod, der stolze Bruder“ auf, welches als Schlüsselszene zum gesamten Werk angesehen werden kann.

„Sie kommen,
meine großen dunklen Pferde kommen!
Mit dem sachten und rauschenden Innern ihrer Hufe.
Die Pferde des Schlafs galoppieren,
galoppieren über das Land.“

Über diese Verse kommen sich Wasja und seine jüngste Tante Marya sehr nahe. Seelenverwandtschaft trifft den Kern. Wasja steht ab dem Zeitpunkt endgültig einem Wendepunkt in seinem Leben gegenüber. Er muss sich entscheiden.
Von da an überschlagen sich die Ereignisse. Wasja schreckt nicht zurück, einen Mord zu planen. Ein mitreißender Schluß.

Martin von Arndt hat mit diesem Roman erneut gezeigt, was für ein grandioser Erzähler er ist. Mit einer unglaublich farbigen, lyrischen und suggestiven Sprache beschwört er wunderbar poetische Bilder vor das Auge des Lesers, man möchte einzelne Textstellen ständig wiederholen.
Ein Lesegenuss!

jbs
22.Mai 2ooozwölf

Buch und Verlag:
http://www.vonarndt.de/pdf/oktoberplatz-vorschau.pdf

Trailer zum Buch:
http://www.youtube.com/watch?v=Mnj3frt9okc

Bucherwerb:
http://www.amazon.de/Oktoberplatz-Meine-gro%C3%9Fen-dunklen-Pferde/dp/3863510232/martinvonarndt

30.05.2012 nachgereicht:
Deutschlandfunk-Büchermarkt. Lerke von Saalfeld - Martin von Arndt - Ein Interview

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1769330/

Die kursiv geschriebenen Textstellen sind Zitate aus dem Buch "Oktoberplatz"

21
Mrz
2012

Səməd Behrəngi - Imre Török

Das Buch Luzius vom Schriftsteller Imre Török begleitet mich seit gestern. Angekommen bin ich erst auf Seite 31, also noch ganz am Anfang dieses jetzt schon farbenfrohen Kunstmärchens. Trotzdem möchte ich schon etwas schreiben, denn ich erinnerte mich an ein kleines Büchlein, das ich Ende der siebziger Jahre erworben hatte. Es handelt von einem kleinen schwarzen Fisch, der ausgezogen ist, um die Welt kennen zu lernen. Ich habe es wiedergefunden und stelle fest, beinahe hätte ich den besonderen Schriftsteller Səməd Behrəngi vergessen.

Səməd Behrəngi

Der kleine schwarze Fisch

Zitat:
"Der kleine schwarze Fisch zieht aus, das Ende des Baches zu finden, ist begierig zu wissen, was dahinter liegt. Unerschrocken schwimmt er los, angespornt von dem Wunsch, zu wissen, zu erfahren, die Welt zu entdecken und mit den Tieren zu sprechen, die außerhalb seines Heimatbaches eine Welt bewohnen, die er bisher nicht gekannt hat. Immer wieder fragt er, nach dem Frieden, nach dem Grund für Feindschaft und Furcht, und er fragt nach der Freiheit, die es für einen kleinen Fisch in der großen Welt doch geben muß. Wenn nur die großen, gefährlichen Kormorane und Pelikane nicht wären,...
Hier liest man einerseits ein bezauberndes Märchen, das auch Kinder verstehen, aber unübersehbar ist auch der politische Drang nach Freiheit: „Wenn nun ein Fisch in seinen Beutel gelangt (es geht um den die Kleintiere bedrohenden Schnabelsack des Pelikans), gibt es für ihn gar keine Hoffnung, doch noch zu entkommen?“- „Es gibt nur einen Weg. Du mußt den Beutel (von innen) zerreißen!“ Und an anderer Stelle: „Warum bist Du so mißtrauisch und ängstlich, kleiner Fisch?“- „Ich bin weder mißtrauisch noch ängstlich, mein Mund spricht, was meine Augen sehen und mein Verstand mir rät.“
Wie Samad, so verschwindet auch der kleine schwarze Fisch am Ende spurlos, aber es bleibt eine Hoffnung zurück, die Hoffnung, dass unter „(12 000) kleinen Fischen (...) einer (keine Ruhe findet)“ und losschwimmt, und, dies darf man als Samads Bekenntnis lesen: „Wichtig allein ist, welchen Wert mein Leben oder mein Tod für das LEBEN hat...“.


Zum Autor Samad Behranghi (1938-1968):
"Behranghi wurde in einem Dorf bei Aserbeidschan/Iran (Nordwestliche Provinz) geboren und wuchs in Armut und Elend auf. Er entwickelte früh ein Gespür für die gesellschaftliche Situation seines Landes und erkannte die Notwendigkeit gelebten Widerstandes und der Solidarität der Unterdrückten untereinander, was er in seinen Geschichten und Erzählungen für Kinder zum Ausdruck brachte. Aber wie ein persischer Gelehrter sagte: „Seine Werke sind für Kinder geschrieben, aber die Erwachsenen sollen daraus lernen!“
Doch welches repressive Regime sieht gelassen zu, wenn zum Widerstand gegen es aufgerufen wird...1968 verschwand Samad spurlos, seine Leiche wurde später am Arras- Fluss im Norden Persiens gefunden."

http://de.wikipedia.org/wiki/S%C9%99m%C9%99d_Behr%C9%99ngi

Auf dem Klappentext wird von einem Glühwürmchen erzählt, das zu einem Hasen sagte: " Mein Freund, ich bemühe mich immer, eure Umgebung und den Wald zu beleuchten, obwohl einige Tiere mich auslachen und sagen: 'Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Du bemühst dich vergeblich, den Wald mit deinem schwachen Licht zu erhellen.'"
Der Hase erwiderte: "Das sagen nur einige, wir aber meinen: Jedes Licht, trotz seiner Schwäche, ist immerhin noch ein Licht."

"Der kleine schwarze Fisch"

http://www.amazon.de/kleine-schwarze-Fisch-Samad-Behranghi/dp/3000207716/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1332340329&sr=1-1

Unterstützt wurde diese kleine Ausgabe von der FIS ( Förderation iranischer Studenten in der BRD und W-Berlin, Landesverband der CIS) ( Ende der 1970iger Jahre )


Ich bin nun weiterhin sehr gespannt auf die Lektüre Török's, seinem Luzius, Traminer und der wunderbaren sonderbaren Prinzessin der Gewürze und Aromen.

19
Feb
2012

Das Netz ist zerrissen und wir sind frei

„Der Gesang der Schneckenhäuser“ ein Roman von Marion Tauschwitz
erschienen 2011 im Verlag André Thiele, 209 Seiten

Vorgedanken zum Buch


Es gibt Themen, mit denen sich der Mensch nicht sehr gerne beschäftigt. Er grenzt deshalb unangenehme oder unerlaubte Gefühle aus seinem Bewusstsein aus, er verdrängt sie. Er schützt sein Ich mit Verdrängung vor Unbehagen oder Angst.

Ein mit Abscheu und Angst einflößendes Thema ist die sexualisierte Misshandlung an Menschen.

Aktuell und brisant wurde vom Fall des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss im Jahr 2010 in der Öffentlichkeit berichtet. Beim ehemaligen SPD-Politiker Tauss wurde in seiner Privatwohnung belastendes kinderpornografisches Material gefunden. Anfängliche subtile Verdrehungen der Bericht erstattenden Medien sorgten für hochemotionale Reaktionen, denn tausende Kinder in Deutschland werden jährlich Opfer von sexualisiertem Missbrauch.
Diese Kinder finden häufig keine Hilfe, u.a. auch, weil viele Erwachsene wegsehen oder sich gelähmt fühlen, sich dem Unfassbaren entgegenzustellen. Abhängig und ausgenutzt bleiben kleine Seelen dem abnormen Treiben Erwachsener ausgeliefert.
( Wo kann Hilfe gefunden werden?: „Keine Gewalt gegen Kinder“ - Links am Ende dieser Buchbesprechung).

Kann die Gesellschaft dagegen steuern?
Ja! Sie kann!
Möglichkeiten bestehen u.a. aus Verbreitung von Wort und Schrift.

Eine zeitgenössische Schriftstellerin aus Heidelberg hat diesen Schritt unternommen. Sie öffnet den Einblick in eine fremde Welt, vor der gefürchtet und auf die abwehrend reagiert wird, weil moralische und ethische Grenzen überschritten werden.


Fremdbestimmte Charaktere

In poetischer Sprache entwirft die Autorin Marion Tauschwitz das Bild einer jungen hübschen Frau, die durch die Heirat eines wohlhabenden Mannes vermeintlich aus der Enge ihres Alltages erlöst wird. Zu spät erkennt sie, welch ein perfides Spiel dieser Mann mit ihr treibt und ein zukünftiges Leben schmiedet, das er für seine abnormen Vorstellungen benutzen wird. Was als Traum, als ein Märchen begann, endet tragisch.

Ihre Beine strampelten ins Leere. Ihre Schreie dämpften das Tuch. Dann lag sie da wie tot.
>> Die Mutter meiner Tochter ist keine Nutte. Du bist keine Nutte.>>
Roh und rhythmisch rammte er ihr die Worte in den Leib.
>> Keine Nutte! Keine Nutte!<<
Hemmungslos wütete er in ihr, bis er schluchzend und zitternd auf ihr zusammensackte. Mariefleure lag starr und unbeweglich. Schmerz und Schock lähmten sie.

Nächtelang lag Mariefleure wach und drehte und wendete die Worte, die sie noch mehr verletzt hatten als der barbarische Überfall selbst: >> Nur dazu bist Du gemacht. Nur dazu habe ich Dich gebraucht.<<
Er hatte sie nie begehrt, sondern als Brutofen für seine Tochter missbraucht.


Erschreckende, beklemmende Szenen wie obig zitierte, streut die Autorin jedoch sparsam in ihrem Roman ein. Die Geschehen werden in der Regel nicht explizit dargestellt. Marion Tauschwitz arbeitet mit Auslassungen, die die Ausgestaltung der Vergewaltigungen der Imagination des Lesers überlässt. Es genügt, dass Serge zum Diner mit seiner minderjährigen Tochter eine weiße Lilie auf den Tisch stellt, der Champagner in den Gläsern perlt und im Bad besinnliche Düfte überschäumen, bevor es zur äußeren und inneren Reinigung, laut des Vaters, kommt. Isabelle blickt zu aufgereihten Schneckenhäusern auf der Glaskonsole im Bad, in die sie hineinkriecht, sich einen Schutzwall für die kommenden schrecklichen 10 Minuten aufbaut - diese Bilder reichen aus.

Serge charismatische Ausstrahlung täuscht fast alle Personen, die mit ihm in Kontakt kommen. Sei es anfangs die Bordellbesitzerin Luzifer oder später die Hausangestellten oder die Lehrer an Isabelle's weiterführenden Schule. Sobald in Serge der Verdacht keimt, diese Menschen fangen an zu ahnen, was sich im engeren familiären Umfeld abspielt, entlässt er sie oder gibt sich als großzügiger Spender aus. Luzifer, die Jahre später einen Versuch unternimmt, ihren ehemaligen Zögling Mariefleure alias Laura wiederzutreffen, wird von ihm regelrecht abgefertigt …

„Die Episode mit „Verona“ ist abgeschlossen. Und damit möchte ich die Bekanntschaft mit Dir nicht weiter pflegen. Muss ich noch direkter werden?“

Damit langen die sparsamen Beschreibungen der Nebenakteure in diesem Roman. Es ist nicht notwendig, mehr über sie zu erfahren, denn Serge führt mit Mariefleure und Isabelle ein sehr zurückgezogenes Leben, fast in Einsiedelei, da niemand Einblick in sein teuflisches Treiben erhalten darf. Deshalb reicht die relativ farblos dargestellte Beschreibung der Nebendarsteller ( im Gegenzug: fein gezeichnete Charaktere der Protagonisten), sie müssen sich im Verlauf der Geschichte auflösen, um die Einsamkeit um Mariefleure und Isabelle zu verstärken.

Eine einzige Person bekommt Serge's kriminelle Energie dann doch zu spüren. Es ist ein älterer, etwas debiler ehemaliger Fischer, der in nächster Nachbarschaft zu den Montrudiers am Meer lebt. Liebevoll bestimmt die Autorin seine Rolle. Sein Außenseiterleben kann ihn allerdings nicht vor der Fremdbestimmung durch Serge schützen. Die eingebauten „Finde“-Szenen gefallen mir im gesamten Kontext besonders. Jannick, der alte Seemann, hat ein tagesfüllendes Hobby. Er sammelt besondere Steine am Strand, Hühnergötter, Feuersteine, gibt ihnen je nach Form und Ausstrahlung einen Namen, um sie danach in einer Felsengrotte aufzustellen. Tauschwitz baut in diesen Kapiteln wunderbare Metaphern ein, so zum Beispiel der Fund eines herzförmigen schwarzen Steines. Oder ein taubenähnlicher Stein mit einem Blutstropfen in Herznähe. Als Leser spürt man Yin, Yang und Fengshui, ist man mit Jannick unterwegs.


Verdrängung und Imagination

„Es hatte zehn Minuten gedauert. Eine Minute fühlt 60 Sekunden. Zehn Minuten schmerzen 600 Sekunden lang. Was sind 600 Sekunden gegenüber 86 400 des Tages? Was sind 10 Minuten gegenüber 1440 Minuten eines Tages.“

Diese 10 Minuten, in regelmäßigen Abständen auf Tage, Wochen, Monate und Jahre verteilt, sind für Isabell der Inbegriff der Hölle. Unbewusst greift sie zu Selbstschutzmechanismen, um das perfide sexuelle Treiben des bis dahin heiß geliebten Vaters, auszuhalten. Sie gleitet in eine andere Daseinsform, zieht eine Maske über das entsetzliche Geschehen, indem sie in die von der Mutter geerbten Schneckenhäuser schlüpft. Seit dem unerklärlichen Verschwinden der Mutter führt sie diese zerbrechlichen Schalen mit sich herum, um in Momenten von auswegloser Hilflosigkeit den dort innelebenden Gesang zu entlocken, den ihr die Mutter viele Jahre zuvor hinter den Windungen und Biegungen der Gehäuse mit einem Kuss versiegelt hatte. Akustisch-imaginär lässt sich Isabell in diesen 10 Schattenminuten in ihrer Vorstellung an einen guten sicheren Ort bringen, lässt sich vom Gesang der Schneckenhäuser trösten. Diese Imagination hilft ihr, aus der Hilflosigkeit, dem Vater sexuell ausgeliefert zu sein, herauszukommen.

Alltags leben Vater und Tochter in einem überbordendem Wohlstand, der sich insbesondere durch exquisite Menüs, weite Reisen, herrschaftlichen Häusern, Pferden und großzügigen Sozialspenden auszeichnet. Das gesellschaftliche Umfeld käme nie auf die Idee, in der Person Serge du Montrudier einen Kinderschänder zu sehen. Die Maske des Wohltäters und überbesorgten Vaters sitzt perfekt und täuscht selbst professionelle Mitarbeiter des Jugendamtes, die auf einen Hinweis einer ehemaligen Hausangestellten Isabelle aufsuchen, um nach dem Rechten zu sehen.


Thrillerähnlicher Plot

Der emotionale Konflikt, der sich zwischen Vater und Tochter entfaltet, steigert sich von Kapitel zu Kapitel. Die Spannungskurve nimmt ihren Anfang mit Laura, die einige Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Isabelle plötzlich wie vom Erdboden verschwunden ist. Der Leser spürt, dass es zum Romanende hin zu einer Auflösung kommen wird, muss!, viel zu intensiv werden imaginäre Tochter-Mutter-Bilder eingestreut. Fast scheint für Isabelle alles verloren, als eine Wendung für sie eintritt. Mit Hilfe eines Studienkamerades kann sie sich letztendlich aus der Umklammerung des Vaters befreien, wenn auch mit einem tragischen Ende.


Leseeindruck

Mit fast hypnotisierender Sprachmelodie hat mich die Autorin Marion Tauschwitz in ihrem neuen Roman "Der Gesang der Schneckenhäuser" auf eine Reise mitgenommen, deren Spannweite von kulinarischer Üppigkeit, über schöngeistigen Dingen bis hin zum Kindesmissbrauch reicht. Mit der Täter-Opferrolle und deren psychische Dynamik führt die Autorin den Leser souverän, behutsam und sensibel durch eine Welt der psychischen Abgründe. Feinst gezeichnete Charaktere schweben von Seite zu Seite, man befindet sich in einem Sog und entkommt dem nur, wenn man endlich die letzte Seite gelesen hat und das Buch zur Seite legen kann. Dieser Roman, dessen Plot Merkmale eines Psychothrillers aufweist und der mich beim Lesen immer wieder an Daphne du Mauriers "Rebecca" erinnerte, ist ein faszinierendes Buch, jedoch, die Nachdenklichkeit, die sich eingeschlichen hat, begleitete mich einige Zeit.

jbs 2012

Anmerkung zum Schluss:
Dieses Buch ist auch ein Bilderbuch der Metaphern. Wirklich gelungen!

Parallellektüre:

In meinen Augen lässt sich obig besprochener Roman, der äußerst lebensnah geschildert ist, nicht nur in die Reihe von Daphne du Mauriers „Rebecca“ stellen. Auch Buchi Emecheta „Zwanzig Säcke Muschelgeld“ und „Kehinde“ sowie von Saliha Scheinhardt „Frauen, die sterben, ohne dass sie gelebt hätten“ oder „Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen“ von Hannah Green usw. gehören dazu und ihnen sollte Aufmerksamkeit geschenkt werden.


Das Buch „ Der Gesang der Schneckenhäuser“

http://www.vat-mainz.de/buecher/belletristik/tauschwitz-schneckenhaeuser.php

http://www.amazon.de/Gesang-Schneckenh%C3%A4user-Roman-Marion-Tauschwitz/dp/394088457X


Hilfe kann u.a. hier gefunden werden:

gegen-missbrauch e.V.
http://www.gegen-missbrauch.de/

Deutscher Kinderschutzbund:
http://www.dksb.de/CONTENT/SHOWPAGE.ASPX?CONTENT=461&TPL=0

Siehe Gesetzestext aus dem Strafgesetzbuch:
http://dejure.org/gesetze/StGB/176.html


Stichworte: sexualisierter Missbrauch – Waschzwang – Abwehrmechanismus - Verdrängung – Thrillerelemente – Wohlstandsgesellschaft – Imagination

17
Aug
2011

tschick

tschick


Vor drei Wochen besuchte ich unsere Stadtbücherei, um Reiseführer für den anstehenden Urlaub auszuleihen. Da fiel mir im Vorbeigehen am Regal für aktuelle Lektüre der Titel „tschick“ ins Auge. Auf dem Buchrücken las ich:

„Man lacht viel, wenn man „tschick“ liest, aber ebenso oft ist man gerührt, gelegentlich zu Tränen. Es ist ein Buch, das einen Erwachsenen rundum glücklich macht und das man den Altersgenossen seiner Helden jederzeit schenken kann.“ Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung.

Und nun? dachte ich. Die Bücherliste für den zweiwöchigen Urlaub ist doch eh schon viel zu lang und nun noch ein „Jugendroman“?
Wer hatte dieses Buch geschrieben? Wolfgang Herrndorf? Kenne ich nicht. In Hamburg geboren, Jahrgang 1965 (ich gehöre auch zur 60iger Generation), ist mit dem Deutschen Erzählerpreis ausgezeichnet ( und gibt nicht gerne Interviews ( was ich im nachhinein ergoogelt hatte)). Ich wurde neugierig. Auf „tschick“ und das angekündigte „Roadmovie“ zweier Gymnasiasten. Meine zwei Söhne sind schon etwas über das Alter der beiden Protagonisten hinaus, aber noch nicht lange. Und so interessierte es mich schon, wie schreibt ein fast fünfzigjähriger Mensch über Jugendliche in dem Alter. Das Buch landete also auch in meinen Korb und sollte die erste Urlaubslektüre werden.

Wolfgang Herrndorf, Jahrgang 1965, erzählt in seinem 254 Seiten langem Roman „tschick“, 2010 im Rohwolt-Verlag erschienen, ein atemloses Roadmovie zweier 15-jähriger Schüler, die sich mit einem gestohlenen Lada auf den Weg in die Walachei begeben, um den Großvater von Tschick zu besuchen.

Tschick schließt den alten Wagen kurz, Maik räumt die Speisekammer seiner Eltern leer, zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Jugendliche starten ihre Reise:

„ Das ist nur ein Wort, Mann“, sagte ich ( Maik) und trank den Rest von meinem Bier. „Walachei ist nur ein Wort! So wie Dingenskirchen. Oder Jottwehdeh."


Hier müsste ich nun beginnen mit nacherzählen, beschreiben und ... schwärmen. Denn etwas anderes als schwärmen kann ich nach dieser Lektüre nicht. Keine Seite dieses Buches ist langweilig oder langatmig. Sei es der gescheiterte Versuch, sich durch

„ Er legte beide Schlafsäcke als Kissen auf den Fahrersitz, setzte meine Sonnenbrille wieder auf, schob sie ins Haar, steckte eine Zigarette in seinen Mundwinkel und klebte sich zuletzt schwarzes Isolierband ins Gesicht, um einen Kevin-Kurányi-Bart zu simulieren. Er sah allerdings nicht aus wie Kevin Kurányi, sondern wie ein Vierzehnjähriger, der sich Isolierband ins Gesicht geklebt hat.“

zu verkleiden und als achtzehnjährige auszugeben, oder die Orientierung in Richtung Walachei zu behalten, auch wenn man dabei in einem Weizenfeld landet und nicht mehr über die Halme hinausgucken kann

„ ... Das Feld ging leicht bergauf. Wir fuhren kleine Kurven und Schnörkel und stießen auf eine Schneise, die wir eine Minute zuvor selbst gepflügt hatten. Ich schlug vor, Tschick sollte versuchen, unsere Namen in den Weizen zu schreiben, sodass man sie von einem Hubschrauber aus lesen konnte oder später bei Google-Earth.. Schon beim Querbalken vom T verloren wir die Übersicht. Wir fuhren einfach nur herum, krochen immer weiter einen Hügel hinauf, und als wir ganz oben waren, war das Feld plötzlich zu Ende.“

Weiter geht es mit der ewigen Suche nach Essbarem und nach Benzin. Dabei lernen sie die unterschiedlichsten Menschen kennen und müssen sich immer wieder vor der Polizei verstecken, damit ihre Reise kein vorzeitiges Ende nimmt.
Es kommt, wie es kommen muss, die Fahrt endet abrupt, Maik findet sich im Krankenhaus wieder und Tschick in einem Heim. Aber hier ist noch nicht der Schluß der Geschichte, man darf noch ein wenig weiterlesen. Und ist froh darum, weil man Maik und Tschick nicht alleine lassen möchte.

Nach der Lektüre war mir klar, hier auf meinem Blog etwas über dieses Buch zu schreiben, eventuell Parallelen zu ziehen. Oder in die Tiefe dieses Romans zu gehen.
Ich will es aber nicht mehr. Das Buch „Tschick“ liest sich so unbeschwert, so unkompliziert, so sympathisch, trotz seines aktuellen Bezugs zu u.a. Migration, Alkoholismus, Partnerschaft und Schulalltag.
Vergleiche täten diesem Werk unrecht, weil „Tschick“ einfach „Tschick“ ist.

jbs 17.08.2011

Textstellen aus dem Buch sind kursiv geschrieben und mit Anführungszeichen markiert!

Interview mit Wolfgang Herrndorf in der FAZ vom 31.01.2011

http://www.faz.net/artikel/C30437/im-gespraech-wolfgang-herrndorf-wann-hat-es-tschick-gemacht-herr-herrndorf-30326213.html

2
Nov
2010

Julio Cortázar

Habe gerade die "Erzählung mit einem tiefen Wasser" von Julio Cortázar gelesen.
Ein Dialog - ein Monolog? Die Realität ein Traum? Das volle Leben im Schilf am Flussufer - die kühle Stille im Strudel des Flusses. Der Redselige und der (scheinbar) Stumme.
Eine Prosa, die man erst aus der Hand legt, wenn die letzten Buchstaben den Weg durch die Linse des Auges gefunden haben.

Cortazar
Bildquelle: http://bilder.buecher.de/produkte/28/28006/28006577k.jpg

"In Cortázars Geschichte passiert nicht viel. Ein Bungalow im Delta des Rio de la Plata, abgeschieden von der Stadt Buenos Aires, ein Zwiegespräch - oder ist es ein Monolog? Eine Erinnerung an eine Begebenheit, eine Szene vor Jahrzehnten, die in dieser Nacht am Fluss wieder plastisch wird, weil sie auch Traum und Prophezeiung war und sich nun zu erfüllen scheint. Die Geschichte spielt mit den Möglichkeiten einer surrealen Situation, in der natürlich auch der große Fluss, das Licht des Mondes und die Geräusche der Tiere, des Schilfes und des Wassers eine Rolle spielen."

aus: Leipziger Intenet Zeitung
http://www.l-iz.de/Bildung/B%C3%BCcher/2010/10/Franziska-Neubert-Die-naechtlichen-Lichter-am-Fluss.html
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