User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Das letzte Geheimnis
Das letzte Geheimnis von Hans Zengeler In einer bildhaften...
lou-salome - 14. Okt, 16:20
Die Illusion vom Fliegen
„Die lange Liebe ist deshalb möglich – auch wenn sie...
lou-salome - 14. Mai, 15:53
Wolkenzüge und Raketenschirm
Die Trilogie „Wolkenzüge“ ist mit dem „Raketenschirm“...
lou-salome - 8. Apr, 21:45
Kein Aprilscherz
Ab dem 1. April 2ooodreizehn werde ich, lou salome...
lou-salome - 31. Mär, 08:29
unen enkh, tündük, aitmatov...
"Und dieses Buch, es ist mein Körper, Und dieses Wort,...
lou-salome - 27. Mär, 22:51

LLLL

LLLL = Lange Lange Lese Liste


Martin von Arndt
Tage der Nemesis


Martin von Arndt
Oktoberplatz



Immo Sennewald
Raketenschirm


Hans Zengeler
Das letzte Geheimnis


Jost Renner
LiebesEnden


Peter Handke, Lojze Wieser, Frederick Baker
Die Sprachenauseinanderdriftung


Joachim Zelter
untertan


Joachim Zelter
Der Ministerpräsident


Alain Claude Sulzer
Aus den Fugen


Milena Michiko Flašar
Ich nannte ihn Krawatte


Miklós Radnóti
Gewaltmarsch


Michael Moshe Checinski
Die Uhr meines Vaters


Steve Sem-Sandberg
Die Elenden von Łódź

21
Mrz
2012

Səməd Behrəngi - Imre Török

Das Buch Luzius vom Schriftsteller Imre Török begleitet mich seit gestern. Angekommen bin ich erst auf Seite 31, also noch ganz am Anfang dieses jetzt schon farbenfrohen Kunstmärchens. Trotzdem möchte ich schon etwas schreiben, denn ich erinnerte mich an ein kleines Büchlein, das ich Ende der siebziger Jahre erworben hatte. Es handelt von einem kleinen schwarzen Fisch, der ausgezogen ist, um die Welt kennen zu lernen. Ich habe es wiedergefunden und stelle fest, beinahe hätte ich den besonderen Schriftsteller Səməd Behrəngi vergessen.

Səməd Behrəngi

Der kleine schwarze Fisch

Zitat:
"Der kleine schwarze Fisch zieht aus, das Ende des Baches zu finden, ist begierig zu wissen, was dahinter liegt. Unerschrocken schwimmt er los, angespornt von dem Wunsch, zu wissen, zu erfahren, die Welt zu entdecken und mit den Tieren zu sprechen, die außerhalb seines Heimatbaches eine Welt bewohnen, die er bisher nicht gekannt hat. Immer wieder fragt er, nach dem Frieden, nach dem Grund für Feindschaft und Furcht, und er fragt nach der Freiheit, die es für einen kleinen Fisch in der großen Welt doch geben muß. Wenn nur die großen, gefährlichen Kormorane und Pelikane nicht wären,...
Hier liest man einerseits ein bezauberndes Märchen, das auch Kinder verstehen, aber unübersehbar ist auch der politische Drang nach Freiheit: „Wenn nun ein Fisch in seinen Beutel gelangt (es geht um den die Kleintiere bedrohenden Schnabelsack des Pelikans), gibt es für ihn gar keine Hoffnung, doch noch zu entkommen?“- „Es gibt nur einen Weg. Du mußt den Beutel (von innen) zerreißen!“ Und an anderer Stelle: „Warum bist Du so mißtrauisch und ängstlich, kleiner Fisch?“- „Ich bin weder mißtrauisch noch ängstlich, mein Mund spricht, was meine Augen sehen und mein Verstand mir rät.“
Wie Samad, so verschwindet auch der kleine schwarze Fisch am Ende spurlos, aber es bleibt eine Hoffnung zurück, die Hoffnung, dass unter „(12 000) kleinen Fischen (...) einer (keine Ruhe findet)“ und losschwimmt, und, dies darf man als Samads Bekenntnis lesen: „Wichtig allein ist, welchen Wert mein Leben oder mein Tod für das LEBEN hat...“.


Zum Autor Samad Behranghi (1938-1968):
"Behranghi wurde in einem Dorf bei Aserbeidschan/Iran (Nordwestliche Provinz) geboren und wuchs in Armut und Elend auf. Er entwickelte früh ein Gespür für die gesellschaftliche Situation seines Landes und erkannte die Notwendigkeit gelebten Widerstandes und der Solidarität der Unterdrückten untereinander, was er in seinen Geschichten und Erzählungen für Kinder zum Ausdruck brachte. Aber wie ein persischer Gelehrter sagte: „Seine Werke sind für Kinder geschrieben, aber die Erwachsenen sollen daraus lernen!“
Doch welches repressive Regime sieht gelassen zu, wenn zum Widerstand gegen es aufgerufen wird...1968 verschwand Samad spurlos, seine Leiche wurde später am Arras- Fluss im Norden Persiens gefunden."

http://de.wikipedia.org/wiki/S%C9%99m%C9%99d_Behr%C9%99ngi

Auf dem Klappentext wird von einem Glühwürmchen erzählt, das zu einem Hasen sagte: " Mein Freund, ich bemühe mich immer, eure Umgebung und den Wald zu beleuchten, obwohl einige Tiere mich auslachen und sagen: 'Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Du bemühst dich vergeblich, den Wald mit deinem schwachen Licht zu erhellen.'"
Der Hase erwiderte: "Das sagen nur einige, wir aber meinen: Jedes Licht, trotz seiner Schwäche, ist immerhin noch ein Licht."

"Der kleine schwarze Fisch"

http://www.amazon.de/kleine-schwarze-Fisch-Samad-Behranghi/dp/3000207716/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1332340329&sr=1-1

Unterstützt wurde diese kleine Ausgabe von der FIS ( Förderation iranischer Studenten in der BRD und W-Berlin, Landesverband der CIS) ( Ende der 1970iger Jahre )


Ich bin nun weiterhin sehr gespannt auf die Lektüre Török's, seinem Luzius, Traminer und der wunderbaren sonderbaren Prinzessin der Gewürze und Aromen.

20
Mrz
2012

karfunkelrote tropfen

karfunkelrote tropfen

was war ist. karfunkel
rote sekunden tropfen
aus dem spiegel
geschichten vieler solisten;
partituren von
pracht
niedergang
tod

für einen augenblick habe ich gedacht, im
rausch pulsieren
fühlen gefühle, dort, der fremde
ton hinter glas und pudrigem staub weht
vertraut, hinterlässt stradivari
impressionen im hier, perlen aus seufzern
und lachern
leichtigkeit fädelt sich auf

bis der frost sie entjungfert,
ohne vorankündigung
im glas ein sprung hinterlässt

schwerelose karfunkelrote sekunden tropfen
aus dem spiegel
spieglein spieglein an der wand

in phasengrenzen, lebt
das kurze hier
und ist.


© jbs 2ooozwölf

( 9:29 Uhr Korrekturen )

17
Mrz
2012

Miklós Radnóti

Heute Vormittag steckten zwei schmale Päckchen im Briefkasten. Beide enthielten Bücher, auf die ich schon ein Weile gewartet hatte. Über ein Bücherantiquariat hatte ich mir „Ausgewählte Gedichte“ bestellt. Vom ungarischen Lyriker Radnóti Miklós.
Ich werde vom Klappentext des Buches „Gewaltmarsch“ von Radnóti Miklós, Corvina Verlag Budapest 1979 zitieren:

„Eine Würdigung dieses bedeutenden ungarischen Lyrikers der Moderne ( 1909 – 1944 ) kann man nicht anders beginnen als mit der Heraushebung der größten Tat, der höchsten Leistung, die er vollbrachte und worin ihm kein anderer Dichter an die Seite gestellt werden kann. Als rassisch Verfolgter wurde er in den kritischen Jahren zum Arbeitsdienst herangezogen, verbrachte Monate, Jahre in Zwangsarbeitslagern, zuletzt in Serbien, und als dieses Lager vor den heranziehenden Sowjettruppen geräumt werden musste, endete der bis zur Marschunfähigkeit erschöpfte Radnóti, wie so viele andere, durch Genickschuss. An sich kein ungewöhnliches Schicksal in jenen Jahren. Nun ist aber Radnóti bis zum letzten Augenblick, angesichts des jeder Menschenwürde beraubten sicheren Todes Dichter geblieben.
Die im Lager von Bor säuberlich in sein Notizbuch eingetragenen Gedichte sind dem Inhalt und der Form nach erlesene Meisterwerke und zeigen den Dichter auf der höchsten Höhe seiner Schaffenskraft. Diese Gedichte sind mit dem toten Dichter – bereits in ungarischem Gebiet – im Massengrab verscharrt und mit ihm exhumiert worden.
Eine solche moralische Kraft und Werktreue kann man nicht hoch genug schätzen, und dennoch darf man sie nicht überschätzen. Sonst könne der Eindruck erweckt werden, die Größe Radnótis liege einzig in seiner Standhaftigkeit, und zu feiern wäre ein exzeptioneller Charakter, auf dessen dichterische Qualität es nicht mehr so sehr ankommt. Das wäre ein Trugschluss. Radnóti erregte schon als Zwanzigjähriger mit dem originellen Stil und kraftvollen Ton seiner Lyrik Aufsehen. In den etwa fünfzehn Jahren, die ihm zu seinem lyrischen Werk zur Verfügung standen, stieg er von Band zu Band – sie erschienen in rascher Folge – immer höher.
Von Anfang an nahm er einen fortschrittlichen Standpunkt der Auflehnung gegen die bestehende Gesellschaft und deren Scheinmoral ein; er tat dies teils mit expressionistischer Zügellosigkeit, teils mit Abkehr vom Alltag und Flucht in ein Arkadien seiner Phantasie. Bald streifte der für das Zeitgeschehen aufgeschlossene Dichter aller Übertreibungen ab; er erkannte die faschistische Gefahr früher als andere, sagte ihr den Kampf an, führte ihn aber mit den erlesensten Mitteln des dichterischen Wortes, mit Eklogen in klassischer Form, und selbst die von der Erkenntnis des unentrinnbaren Dichterschicksals erfüllten Gedichte schrieb er in formvollendeten Hexametern sowie die Liebesbekenntnisse an seine Frau bis zuletzt auch.
Wiederholt sei nur eben, dass der an sich schon bedeutende Dichter mit seinen letzten Gedichten auf dem „Gewaltmarsch“ zum Massengrab sich selbst übertraf. Die Gedichte, die er hinterließ, sind hellleuchtend, und so ist auch des Dichters moralische Größe.“



Grüß die Sonne!

Jetzt küss ich dir schon die Hand, mit solchem
Bauerngram ist's so schön, in der Sonne
zu stehen, auf begeisterten Feldern
klirrt aufgeschossen Halm an Halm der Weizen!

Schau! Wo wir lagen, liegt der Halm gestürzt,
auf strenger Flur ein Liebeswappen, -
wie beugt sich das Land! vor dir verbeugt sich tief,
im Straßenstaub rutschend, der ferne Kirchturm!

Nachmittag kommt dösen: grüß ihn still!
auf deiner Fingerspitze erblüht ein Kuss,
und in deinem Handinnern wird der Schatten!
Grüß ihn du nur!mit gespreizten Händen

grüß die Sonne, wir stehen jetzt
ja noch ihr zugewandt da, und auf
glitzernden Feldern, begeisterten Feldern
klirrt aufgeschossen Halm an Halm der Weizen!


Miklós Radnóti
8. Oktober 1929

IMG_1432
jbs

Ton
Radnóti Miklós - Bájoló
http://www.youtube.com/watch?v=BL8jwnZeKvo

9
Mrz
2012

drachenbrunnenblatttee

drachenbrunnenblatttee


Istrien-2008-282-

drachenbrunnenblatt
aus weißem porzellan sprießt
jadegrüner tee

jbs
2ooozehn

3
Mrz
2012

Zigeuner unterwegs

IMG_2529
jbs


Zigeuner unterwegs

Der Wahrsager-Stamm mit glühenden Augen brach
gestern auf, die Kleinen auf dem Rücken tragend
oder ihrer Gier zur Stillung den stets bereiten Schatz
der hängenden Brüste bietend.

Die Männer gehen zu Fuß unter blitzenden Waffen
längs den Wagen, auf denen die Ihrigen kauern,
und lassen über den Himmel ihre Augen wandern,
die von trüber Sehnsucht nach fernen Wundern
schwer sind.

Am Grunde ihres Sandlochs sieht die Grille sie
vorbeiziehn, und lauter klingt ihr Lied; Kybele,
die sie liebt, vermehrt ihr Grün,

Macht, daß der Felsen Wasser spendet und
die Wüste blüht vor diesen Fahrenden, denen
die Finsternisse der Zukunft offenstehen: ein
vertrautes Reich.

Charles Baudelaire

19
Feb
2012

Das Netz ist zerrissen und wir sind frei

„Der Gesang der Schneckenhäuser“ ein Roman von Marion Tauschwitz
erschienen 2011 im Verlag André Thiele, 209 Seiten

Vorgedanken zum Buch


Es gibt Themen, mit denen sich der Mensch nicht sehr gerne beschäftigt. Er grenzt deshalb unangenehme oder unerlaubte Gefühle aus seinem Bewusstsein aus, er verdrängt sie. Er schützt sein Ich mit Verdrängung vor Unbehagen oder Angst.

Ein mit Abscheu und Angst einflößendes Thema ist die sexualisierte Misshandlung an Menschen.

Aktuell und brisant wurde vom Fall des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss im Jahr 2010 in der Öffentlichkeit berichtet. Beim ehemaligen SPD-Politiker Tauss wurde in seiner Privatwohnung belastendes kinderpornografisches Material gefunden. Anfängliche subtile Verdrehungen der Bericht erstattenden Medien sorgten für hochemotionale Reaktionen, denn tausende Kinder in Deutschland werden jährlich Opfer von sexualisiertem Missbrauch.
Diese Kinder finden häufig keine Hilfe, u.a. auch, weil viele Erwachsene wegsehen oder sich gelähmt fühlen, sich dem Unfassbaren entgegenzustellen. Abhängig und ausgenutzt bleiben kleine Seelen dem abnormen Treiben Erwachsener ausgeliefert.
( Wo kann Hilfe gefunden werden?: „Keine Gewalt gegen Kinder“ - Links am Ende dieser Buchbesprechung).

Kann die Gesellschaft dagegen steuern?
Ja! Sie kann!
Möglichkeiten bestehen u.a. aus Verbreitung von Wort und Schrift.

Eine zeitgenössische Schriftstellerin aus Heidelberg hat diesen Schritt unternommen. Sie öffnet den Einblick in eine fremde Welt, vor der gefürchtet und auf die abwehrend reagiert wird, weil moralische und ethische Grenzen überschritten werden.


Fremdbestimmte Charaktere

In poetischer Sprache entwirft die Autorin Marion Tauschwitz das Bild einer jungen hübschen Frau, die durch die Heirat eines wohlhabenden Mannes vermeintlich aus der Enge ihres Alltages erlöst wird. Zu spät erkennt sie, welch ein perfides Spiel dieser Mann mit ihr treibt und ein zukünftiges Leben schmiedet, das er für seine abnormen Vorstellungen benutzen wird. Was als Traum, als ein Märchen begann, endet tragisch.

Ihre Beine strampelten ins Leere. Ihre Schreie dämpften das Tuch. Dann lag sie da wie tot.
>> Die Mutter meiner Tochter ist keine Nutte. Du bist keine Nutte.>>
Roh und rhythmisch rammte er ihr die Worte in den Leib.
>> Keine Nutte! Keine Nutte!<<
Hemmungslos wütete er in ihr, bis er schluchzend und zitternd auf ihr zusammensackte. Mariefleure lag starr und unbeweglich. Schmerz und Schock lähmten sie.

Nächtelang lag Mariefleure wach und drehte und wendete die Worte, die sie noch mehr verletzt hatten als der barbarische Überfall selbst: >> Nur dazu bist Du gemacht. Nur dazu habe ich Dich gebraucht.<<
Er hatte sie nie begehrt, sondern als Brutofen für seine Tochter missbraucht.


Erschreckende, beklemmende Szenen wie obig zitierte, streut die Autorin jedoch sparsam in ihrem Roman ein. Die Geschehen werden in der Regel nicht explizit dargestellt. Marion Tauschwitz arbeitet mit Auslassungen, die die Ausgestaltung der Vergewaltigungen der Imagination des Lesers überlässt. Es genügt, dass Serge zum Diner mit seiner minderjährigen Tochter eine weiße Lilie auf den Tisch stellt, der Champagner in den Gläsern perlt und im Bad besinnliche Düfte überschäumen, bevor es zur äußeren und inneren Reinigung, laut des Vaters, kommt. Isabelle blickt zu aufgereihten Schneckenhäusern auf der Glaskonsole im Bad, in die sie hineinkriecht, sich einen Schutzwall für die kommenden schrecklichen 10 Minuten aufbaut - diese Bilder reichen aus.

Serge charismatische Ausstrahlung täuscht fast alle Personen, die mit ihm in Kontakt kommen. Sei es anfangs die Bordellbesitzerin Luzifer oder später die Hausangestellten oder die Lehrer an Isabelle's weiterführenden Schule. Sobald in Serge der Verdacht keimt, diese Menschen fangen an zu ahnen, was sich im engeren familiären Umfeld abspielt, entlässt er sie oder gibt sich als großzügiger Spender aus. Luzifer, die Jahre später einen Versuch unternimmt, ihren ehemaligen Zögling Mariefleure alias Laura wiederzutreffen, wird von ihm regelrecht abgefertigt …

„Die Episode mit „Verona“ ist abgeschlossen. Und damit möchte ich die Bekanntschaft mit Dir nicht weiter pflegen. Muss ich noch direkter werden?“

Damit langen die sparsamen Beschreibungen der Nebenakteure in diesem Roman. Es ist nicht notwendig, mehr über sie zu erfahren, denn Serge führt mit Mariefleure und Isabelle ein sehr zurückgezogenes Leben, fast in Einsiedelei, da niemand Einblick in sein teuflisches Treiben erhalten darf. Deshalb reicht die relativ farblos dargestellte Beschreibung der Nebendarsteller ( im Gegenzug: fein gezeichnete Charaktere der Protagonisten), sie müssen sich im Verlauf der Geschichte auflösen, um die Einsamkeit um Mariefleure und Isabelle zu verstärken.

Eine einzige Person bekommt Serge's kriminelle Energie dann doch zu spüren. Es ist ein älterer, etwas debiler ehemaliger Fischer, der in nächster Nachbarschaft zu den Montrudiers am Meer lebt. Liebevoll bestimmt die Autorin seine Rolle. Sein Außenseiterleben kann ihn allerdings nicht vor der Fremdbestimmung durch Serge schützen. Die eingebauten „Finde“-Szenen gefallen mir im gesamten Kontext besonders. Jannick, der alte Seemann, hat ein tagesfüllendes Hobby. Er sammelt besondere Steine am Strand, Hühnergötter, Feuersteine, gibt ihnen je nach Form und Ausstrahlung einen Namen, um sie danach in einer Felsengrotte aufzustellen. Tauschwitz baut in diesen Kapiteln wunderbare Metaphern ein, so zum Beispiel der Fund eines herzförmigen schwarzen Steines. Oder ein taubenähnlicher Stein mit einem Blutstropfen in Herznähe. Als Leser spürt man Yin, Yang und Fengshui, ist man mit Jannick unterwegs.


Verdrängung und Imagination

„Es hatte zehn Minuten gedauert. Eine Minute fühlt 60 Sekunden. Zehn Minuten schmerzen 600 Sekunden lang. Was sind 600 Sekunden gegenüber 86 400 des Tages? Was sind 10 Minuten gegenüber 1440 Minuten eines Tages.“

Diese 10 Minuten, in regelmäßigen Abständen auf Tage, Wochen, Monate und Jahre verteilt, sind für Isabell der Inbegriff der Hölle. Unbewusst greift sie zu Selbstschutzmechanismen, um das perfide sexuelle Treiben des bis dahin heiß geliebten Vaters, auszuhalten. Sie gleitet in eine andere Daseinsform, zieht eine Maske über das entsetzliche Geschehen, indem sie in die von der Mutter geerbten Schneckenhäuser schlüpft. Seit dem unerklärlichen Verschwinden der Mutter führt sie diese zerbrechlichen Schalen mit sich herum, um in Momenten von auswegloser Hilflosigkeit den dort innelebenden Gesang zu entlocken, den ihr die Mutter viele Jahre zuvor hinter den Windungen und Biegungen der Gehäuse mit einem Kuss versiegelt hatte. Akustisch-imaginär lässt sich Isabell in diesen 10 Schattenminuten in ihrer Vorstellung an einen guten sicheren Ort bringen, lässt sich vom Gesang der Schneckenhäuser trösten. Diese Imagination hilft ihr, aus der Hilflosigkeit, dem Vater sexuell ausgeliefert zu sein, herauszukommen.

Alltags leben Vater und Tochter in einem überbordendem Wohlstand, der sich insbesondere durch exquisite Menüs, weite Reisen, herrschaftlichen Häusern, Pferden und großzügigen Sozialspenden auszeichnet. Das gesellschaftliche Umfeld käme nie auf die Idee, in der Person Serge du Montrudier einen Kinderschänder zu sehen. Die Maske des Wohltäters und überbesorgten Vaters sitzt perfekt und täuscht selbst professionelle Mitarbeiter des Jugendamtes, die auf einen Hinweis einer ehemaligen Hausangestellten Isabelle aufsuchen, um nach dem Rechten zu sehen.


Thrillerähnlicher Plot

Der emotionale Konflikt, der sich zwischen Vater und Tochter entfaltet, steigert sich von Kapitel zu Kapitel. Die Spannungskurve nimmt ihren Anfang mit Laura, die einige Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Isabelle plötzlich wie vom Erdboden verschwunden ist. Der Leser spürt, dass es zum Romanende hin zu einer Auflösung kommen wird, muss!, viel zu intensiv werden imaginäre Tochter-Mutter-Bilder eingestreut. Fast scheint für Isabelle alles verloren, als eine Wendung für sie eintritt. Mit Hilfe eines Studienkamerades kann sie sich letztendlich aus der Umklammerung des Vaters befreien, wenn auch mit einem tragischen Ende.


Leseeindruck

Mit fast hypnotisierender Sprachmelodie hat mich die Autorin Marion Tauschwitz in ihrem neuen Roman "Der Gesang der Schneckenhäuser" auf eine Reise mitgenommen, deren Spannweite von kulinarischer Üppigkeit, über schöngeistigen Dingen bis hin zum Kindesmissbrauch reicht. Mit der Täter-Opferrolle und deren psychische Dynamik führt die Autorin den Leser souverän, behutsam und sensibel durch eine Welt der psychischen Abgründe. Feinst gezeichnete Charaktere schweben von Seite zu Seite, man befindet sich in einem Sog und entkommt dem nur, wenn man endlich die letzte Seite gelesen hat und das Buch zur Seite legen kann. Dieser Roman, dessen Plot Merkmale eines Psychothrillers aufweist und der mich beim Lesen immer wieder an Daphne du Mauriers "Rebecca" erinnerte, ist ein faszinierendes Buch, jedoch, die Nachdenklichkeit, die sich eingeschlichen hat, begleitete mich einige Zeit.

jbs 2012

Anmerkung zum Schluss:
Dieses Buch ist auch ein Bilderbuch der Metaphern. Wirklich gelungen!

Parallellektüre:

In meinen Augen lässt sich obig besprochener Roman, der äußerst lebensnah geschildert ist, nicht nur in die Reihe von Daphne du Mauriers „Rebecca“ stellen. Auch Buchi Emecheta „Zwanzig Säcke Muschelgeld“ und „Kehinde“ sowie von Saliha Scheinhardt „Frauen, die sterben, ohne dass sie gelebt hätten“ oder „Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen“ von Hannah Green usw. gehören dazu und ihnen sollte Aufmerksamkeit geschenkt werden.


Das Buch „ Der Gesang der Schneckenhäuser“

http://www.vat-mainz.de/buecher/belletristik/tauschwitz-schneckenhaeuser.php

http://www.amazon.de/Gesang-Schneckenh%C3%A4user-Roman-Marion-Tauschwitz/dp/394088457X


Hilfe kann u.a. hier gefunden werden:

gegen-missbrauch e.V.
http://www.gegen-missbrauch.de/

Deutscher Kinderschutzbund:
http://www.dksb.de/CONTENT/SHOWPAGE.ASPX?CONTENT=461&TPL=0

Siehe Gesetzestext aus dem Strafgesetzbuch:
http://dejure.org/gesetze/StGB/176.html


Stichworte: sexualisierter Missbrauch – Waschzwang – Abwehrmechanismus - Verdrängung – Thrillerelemente – Wohlstandsgesellschaft – Imagination

haiku 61

haiku 61

tulipan in rot
entblättert sich schritt für schritt
nimm den kelch und trink

(c)
jbs

IMG_1635
jbs

8
Feb
2012

eisblumenmembran

Winterstimmung-am-Ploener-See-Nov-2010
Aufnahme: BJ

eisblumenmembran

seltsame geheime klänge,
tönen an
dein ohr

peitschende risse summen, fügen
unter pfahlbauten
ein motiv

fast
synthetisch modelliert kälte
surreale weisen
lieder
die in der ferne
verweilen, erstarren
schmelzen

dein blick
entdeckt eine ära, die sich
im nu des orbits
versenkt

und mein finger
zeichnet hurtig den eisblumen nach,
bevor sie
verduften


(c)
jbs 2ooozwölf

31
Jan
2012

Schlendern ist Luxus

Schlendern ist Luxus

Ein Abend wie Seide, keine Lust auf'n Bus
Ich geh zu Fuß
Weiche Schultern, leichter Gang
So könnt ich laufen, stundenlang
Die Autos klingen wie Brandung. Gerüche wehen von irgendwo her
Und hinterm nächsten Block träum ich mir das Meer
Und Schlendern ist Luxus

Ich nehm' den Weg, der mir gefällt, nicht wo's am hellsten ist
Dunkle Fenster, ey, schlaft schön! Nacht in dem Gesicht
Blaue Dämmerung nach n'er langen Nacht, da oben hat noch wer Licht
Und zwei im Auto am Straßenrand, die sehen mich nicht
Und Schlendern ist Luxus

Da ist'n Schatten und n'Zittern, und Wittern wie'n Tier im Revier
Steht da vorn nicht der Typ mit den dunklen Phantasien
Für den die Welt ein Weib ist, die will er auf den Knien
Ach komm, Schlendern ist Luxus

Zurück auf die Insel, zurück zu mir, ich liebe diesen Schritt
Bin schon so weit gegangen, und ich nehm alles mit

Ulla Meinecke

http://www.youtube.com/watch?v=UVY3eMV4wAc&feature=results_video&playnext=1&list=PLE680B5FFCA6E9B9E
logo

lou salome

"Vielleicht war vor den Lippen schon das Flüstern da und ohne Bäume tanzte schon das Laub."Ossip Emiljewitsch Mandelstam

Suche

 

Status

Online seit 6156 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 26. Mai, 22:16

Credits

Rechtliches

Hier gilt das Urheberrecht! Ich trage ausschließlich nur für meine Beiträge und Bilder und nicht für die Inhalte verlinkter Seiten Verantwortung.

BuchBeSprechUngen
Eigentext und Ton
Eigentexte
Fremd-und Eigentexte
Fremdtexte
Gedichte
haikuversuchsküche
lou's Lyrik
Mensch-liches
Rezensionen
satura lanx
Skizzen
Text und Ton
Ton
Zengeler-Rezensionen
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren