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LLLL

LLLL = Lange Lange Lese Liste


Martin von Arndt
Tage der Nemesis


Martin von Arndt
Oktoberplatz



Immo Sennewald
Raketenschirm


Hans Zengeler
Das letzte Geheimnis


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Peter Handke, Lojze Wieser, Frederick Baker
Die Sprachenauseinanderdriftung


Joachim Zelter
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Joachim Zelter
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Alain Claude Sulzer
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Rezensionen

8
Apr
2013

Wolkenzüge und Raketenschirm

Die Trilogie „Wolkenzüge“ ist mit dem „Raketenschirm“ vollständig. Ich gratuliere dem Autor und Lyriker Immo Sennewald recht herzlich!

Ultental-Suedtirol-138
jbs


Haie und Wolkenzüge

In einem Haifischbecken schwimmen und von dort heraus unbeschadet Wolkenzügen nachschauen, das schafft nur eine Person in dem neuen Roman „Raketenschirm“ von Immo Sennewald. Und dieser 'wer' ist Gustav Horbel.
Jedoch sollte man nicht auf die Idee kommen, Horbel sei nur ein hoffnungslos verträumter Zeitgenosse mit mächtig viel Glück im Stasi-Land. Nein, die Hauptfigur, des im März 2013 im Salierverlag erschienen Buches, ist Anfang 60, im Osten der Bundesrepublik Deutschland, der ehemaligen DDR, geboren und aufgewachsen und wie bei einem Raketenabwehrsystem lernte Gustav Horbel im Laufe der Jahre mittels ureigener „Frühwarnradarstation“ anfliegende „Raketen“ erkennen, zu unterscheiden, zu handeln.

Gestaltete Geschichte

Der Autor Immo Sennewald blickt im „Raketenschirm“zurück auf das totalitäre Herrschaftssystem der DDR und er vergisst auf seiner literarischen Gipfeltour auch die parallelen Weltsituationen nicht. Er erzählt im Rückblick eine verflochtene Geschichte vom Stasiland, von intellektuellen Verwirrungen, von einem Protagonisten, der in Thüringen aufwächst und in Baden-Baden mit seiner Liebe, einer Chinesin, seine „Alterszeit“ endlich genießen darf.
Mit seinen Figuren erstellt er auf 335 Seiten ein Psychogramm Mächtiger und Verlierer. Er und sein träumender Chronist Gustav Horbel machen sich auf den Weg und starten den Versuch, Wahn, verhängnisvolle Irrtümer oder Ketten schicksalshafter Zufälle zu analysieren, gesellschaftliche Beziehungsgeflechte zu reflektieren. Sie vollziehen nach, wie die SED-Herrschaft im Alltag funktionierte, „welche Disziplinierungs-und Integrationsmechanismen griffen bzw. scheiterten und auf welche Formen von Zustimmung, Anpassung oder Widersetzlichkeit sie trafen.“

Aus einem Plädoyer ( Zeitzeugenschaft der Autors ) von Stefan Heym, gehalten 1986 auf dem PEN-Kongress in Hamburg, zitiert:

„Literatur ist nichts anderes als gestaltete Geschichte der Zeit, in welche der Autor hineingeboren wurde, der Erlebnisse, die er in dieser Zeit hatte, der Erfahrungen, die er machte, der Zustände, die er sah; er kennt nur seine Zeit, welche sonst sollte er gekannt haben, und selbst wenn er von einer anderen Zeit erzählt als der seinen, so ist es doch die seine, nur anders kostümiert und mit anderen Versatzstücken … Je besser ein Autor seine Zeit versteht, je mehr weiß er von ihrem Geschehen, desto zeitloser wird sein Buch sein, sein Stück, sein Film, sein Gedicht.“

Figuren-Karussell

Rund um Gustav Horbel gruppiert sich ein Figurenkarussell, das sich hauptsächlich im Bauch der ehemaligen DDR dreht. Zum Beispiel lernt man die rothaarige Silvia kennen, das „Stasikind“, zu der sich Gustav, nach einem kurzen Liebesabenteuer, bis ins sechzigste Lebensjahr hinein verbunden fühlt. Während Gustav sein Leben in Jahresringen lebt und ihm Erfahrungen abtrotzt, ist auch Silvia, Tochter zweier strammer Stasi-Eltern, existenziell betroffen. Abenteuerlich sind ihre drei Ehen, bis sie endlich als freiberufliche Künstlerin in Leipzig Ruhe zu finden scheint. Noch abenteuerlicher als ihre Ehen ist dann die Zuspitzung einer Begegnung mit ihrer linienharten Mutter und ihrem Halbbruder. Schlussendlich scheut sie sich dann nicht, gegen den Bruder die Waffe zu erheben und zu schießen.

Oder da ist Gabi Fürbringer. Für mich ist sie in diesem Roman eine sehr wichtige Schlüsselfigur. Ihr Schicksal dürfte gleichgesetzt werden mit vielen anderen tausender DDR-Frauenschicksale. Gabi, ehemalige Leistungssportlerin, ist die Frau von Anton, beide haben eine Tochter: Clara. Anton Fürbringer, ein Wissenschaftler und ehemaliger Kollege von Gustav, verfällt langsam dem Wahn. Seine Ideen, seine Arbeit, finden im ehemaligen DDR-Forschungsministerium kein Gehör und keine Anerkennung. Er „flieht“ zu seinen Eltern nach Israel. Dort vegetiert er dahin und stirbt viel zu früh. Gabi hat den Kontakt zu ihm abgebrochen, nachdem auf jahrelangen schriftlichen Versuchen hin, keine Antworten folgen. Sie zieht also ihre gemeinsame Tochter Clara alleine auf. In Claras entscheidender Wachstumsphase muss die Mutter ins Frauengefängnis nach Hoheneck, die Tochter zieht zu den Eltern von Gabi. Nach ihrer Haftentlassung wird Gabi nie wieder ein unbeschwertes Mutter-Tochterverhältnis erleben können. Immo Sennewald erzählt diesen Teil der Geschichte sehr realitätsnah und unglaublich einfühlsam.

Als weitere Figur sitzt Matthias Montag in diesem Karussell. Auch er spielt eine äußerst wichtige Rolle im „Raketenschirm“. Anfangs noch ein Schulfreund aus alten Lauterbergtagen, legt er später eine steile Karriere im DDR-System hin. Seine wahnartige Affinität zum weiblichen Geschlecht, die zeitweise masochistische Züge annimmt, lässt ihn sogar einen schrecklichen Mord ausführen. Oder entsteht diese Tat nur als Vorstellung im Kopf von Montag und mir als Leserin? Spannend, sehr spannend!
Wie das Leben des Matthias Montag weitergeht, wie er fällt, sich wieder aufrafft, um irgendwann im warmen Polster der Wiedervereinigung zu versinken, zu verschwinden - Sennewald schafft den Spagat, Wahnvorstellung und Realität zu vermischen.

Bleib nicht stumm

Auf vielen Seiten vom „Raketenschirm“ findet man Gustav Horbel's Erklärungen, warum er sein Leben so lebt und nicht anders.
Auf Seite 299 verdeutlicht er es Matthias Montag ( aus dieser Figur schillert übrigens Markus Wolf, der ehemalige DDR-Spionagechef ), warum er Systeme wie das der DDR verachtet:

„... Leider hat es nicht funktioniert. De Sade war ein Philosoph, er hatte das verstanden. Bei keiner der Bewegungen, die das Böse in der Welt auszurotten versprachen, hat es funktioniert, nur die Ausrottungstechniken wurden verbessert, die zum Schutz davor ebenso. Die Raketen treffen nicht das Böse – der Raketenschirm schützt nicht das Gute. … „

Fazit

Dieser Roman ist in hohem Maße aktuell und beeindruckend. Das liegt sicherlich daran, weil es dem Autor gelingt, den Blick des Lesers auf die individuellen Schicksale seiner Figuren zu lenken und die DDR-Zeitgeschichte bildlich wiederzugeben.
Manchmal habe ich mir gewünscht, Immo Sennewald hätte noch ein Buch geschrieben. Obig geschilderte Personenschicksale sind nämlich nur ein Teil des Romans. Quasi nebenbei gibt das Werk kaleidoskopartig einen Überblick auf die vom Autor angesammelte Lebenserfahrung in Bezug auf die ehemalige DDR ( siehe oben eingefügtes Zitat von Stefan Heym) und seines eigenen beruflichen Lebens als Physiker und Theaterregisseur.

Waffenindustrie und- handel, die „Aufklärung“ des Rohweddermordes im Jahr 1991( eine fiktive Aufklärungsepisode im „Raketenschirm“ ), E.T.A. Hoffmann 's Mönch Medardus und der Sandmann, sie alle tauchen auf in diesem Stück Zeitgeschichte. Die intellektuelle Brisanz dieses Buches besticht. Nichts darf vergessen sein ist Sennewald's Legat.
Ein sehr reiches Buch! Sehr lesenswert!

jbs im April 2ooodreizehn

Die kursiv gehaltenen Textstellen sind Zitate aus dem Roman "Raketenschirm" und aus dem Artikel "Herrschaft und Gesellschaft in der DDR-Provinz ( siehe eingefügten ersten Link) sowie Stefan Heym's Zitat aus dem "Arche Literatur Kalender 2013"

Deutsche Geschichte – DDR-Machenschaften – Stasi – illegale Waffengeschäfte - Liebesgeschichte - Schelmenroman - perfektes Verbrechen – Frauengefängnis Hoheneck – Familienzusammenführung - Masochismus – Wahn – E.T.A. Hoffmann


Herrschaft und Gesellschaft in der DDR-Provinz
http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/Forschung/Forschungsprojekte/Forschungsprojekte_herrschaft_provinz.html

Die Internationale Schriftstellervereinigung
Ihre deutsche Geschichte
Ihre Aufgaben

http://www.boell.de/downloads/democracy/PEN_Broschuere_65.pdf

Das perfekte Verbrechen
http://www.focus.de/politik/deutschland/raf/tid-9310/detlev-karsten-rohwedder_aid_266442.html

Wer erschoss den Treuhandchef Rohwedder? 1/5 - Trailer
http://www.youtube.com/watch?v=d6m6dNmdtsA

Frauengefängnis Hoheneck
http://hoheneck.wordpress.com/zuchthaus-hoheneck/

Blog des Autors Immo Sennewald zum Buch Raketenschirm
http://raketenschirm.com/

11
Sep
2012

Imre Török, der Logopoioi

Korsika-1-151
jbs

geist der reispflanze
ein akrobat der lüfte
schickt träume ins land

Imre Török, der Logopoioi

Imre Török, der Logopoioi. Ein neuzeitlicher Äsop, ein Geschichtenerzähler, der als Muttersprache die Poesie gewählt hat.
In seinem Buch „Das Buch Luzius“ spürt man seine Freude am Erzählen, am Darstellen wichtiger gesellschaftlicher Begebenheiten in Form eines alten Schatzes: der Fabel.

Hauptsache ist und bleibt bei der Fabel Volkstümlichkeit. Das notwendige Handwerkszeug dazu ist eine einfache und klare Sprache, ein frischer Plauderton, Anschaulichkeit und nicht zuletzt ein kräftiger Schuss von Humor und Schalkhaftigkeit.
Mit diesen Utensilien sowie einer gehörigen Prise Lebenskenntnis ausgerüstet, konstruiert Imre Török mit der Welt der Insekten und seiner Kunstfigur „Leuchtkäfer Luzius“ 15 Köstlichkeiten, denen das Kunstmärchen „Die Prinzessin und der Nomade“ vorausgeht.

Die Fabeln des Török streifen mit Luzius durch moderne Zeiten, beziehen sich auf den sozialen Wandel und darauf, menschliche Existenz zu deuten und zu verstehen.
Insbesondere der philosophische Gedanke: Hat das Leben einen Sinn? ist in dem 187 Seiten starken Buch verankert.

Der Huf eines blöden Kamels

Ziemlich zu Anfang des zweiten Teils: „… und andere Wahrheiten“ begegnet Luzius in der Wüste einem Skarabäus. Naserümpfend beobachtet der kleine vorwitzige Leuchtkäfer, wie der Skarabäus ununterbrochen Kotkügelchen vor sich her rollt:

„ „Eines kapier ich nicht. Diese ganze Masse von Skarabäen im Sand ist Tag für Tag damit beschäftigt, Kügelchen voll Scheiße vor sich her zu rollen. Ihr habt ja nicht einmal einen eigenen Namen, wenn jeder Skarabäus heißt. Und trotzdem glaubt ihr, dass ihr Heilige seid, die Glück bringen und die Wiedergeburt ermöglichen. Ist die Werdung neuen Lichts und die Glückseligkeit nicht viel eher auf der höchsten Spitze zu empfangen?“

Skarabäus machte eine Pause beim Drehen seiner stinkenden Kotkugel. Dann setzte er, ohne Spur von Beleidigtsein in der Stimme, zu einem längeren Monolog an.

„Glühwürmchen, Glühwürmchen, schimmre, schi-im-Re! Du bist ein leuchtendes Wesen, Luzius. Wie wir alle. Wann endlich ergreifst du von der Zukunft einen Zipfel? Du und wir und alle begreifen das Kommende doch kaum. Wohl hast du recht, dass die Menge hier unten viel Dreck bewegen und fressen muss. Es scheint, dass die Masse für die ferne Zukunft am wenigsten empfänglich ist. Wie sollte sie auch, wenn doch alle sich ständig in unzählige Richtungen verzetteln. Dadurch werden die Strahlen der Künftigkeit in tausend Himmelsrichtungen reflektiert. Vielleicht wird mancher an der Spitze die Morgenröte eher erblicken und gebündelt reflektieren.
Doch bedenke, meine goldiges Käferchen, wie du in deine Position gelangt bist. Wir, die Heerschar heiliger Skarabäen, haben die Pyramiden errichtet. Kein einzelnes Wesen kann die Warte künftiger Werte bauen. Dem Einzelnen dient eine Pyramide letztlich nur als Grab.
Wir drehen unsere Runden im Dreck weiter. Will ein Leuchtkäfer die Himmelsleiter erklimmen, sollte er Schweiß und Fäkalien am Fuße der Pyramide nicht außer Acht lassen. Ist nicht jeder winzige Globus aus Kot, den wir am Drehen halten, ein Nährboden? Einzig daraus wird Neues das Licht der Welt erblicken. Und ist ein Erleuchteter nicht in einem dreckigen Stall im Gestank von Urin und Kot zur Welt gekommen?“

Der Huf eines blöden Kamels begrub in diesem Augenblick Skarabäus im Sand. ..“


Nicht nur dieser mit Metaphern gespickte Monolog regt meine „Homo-sapiens-Synapsen“ zum Flug an. Töröks Schuss Humor beschwipst meine Gedanken.
„schi-im-Re“: Re, der ägyptische Sonnengott;
im-Re = Imre Török;
schi = Qi: Energie, Atem, Leben.
Vielleicht von mir überbedeutet, aber so oder so, geniale Silbenspielerei!

Nun muss man mit den nächsten Kapiteln aufpassen. Jeder neue Ausflug in eine andere Insektenwelt, z.B. in die Welt der Spinnen und ihr „allseits verlockender Handel im Netz,“ macht Lust aufs weiter lesen, dabei sollte man eine Köstlichkeit nach der anderen genießen und nicht verschlingen. Was allerdings nicht einfach ist. Die Seiten sind mit Metaphern gefüllt, wie Trüffelpralinen mit süßester Füllung.

Fire together, wire together

„Spinnen, so wusste er (Luzius), leben nach dem Motto des dreifachen Ws. Das aus dem weltumspannenden Internet bekannte www Punkt stand im Leben der Spinnen als Abkürzung für weltweites Warten.
Warten, warten, immer nur warten im Netz, dass ein surf-lüsternes Insekt online geht, damit man es mit Viren verseuchen und zum Aussaugen downloaden kann. Warten, nur warten, immerzu warten, dass man gesättigt wird, sobald jemand unvorsichtig ins Netz gegangen ist.
Da weben und stricken und knüpfen unzählige Spinnen ihre Fäden und umgarnen die ganze Welt. Segeln durch die sieben digitalen Weltmeere mit flatternder Piratenflagge. Wen kümmert es schon, dass auch die wunderbarste Vernetzung keinen Funken Erleuchtung bringt und schlussendlich nichts zum Beißen bietet. … „


Luzius verstrickt sich in den Spinnennetzen, kann sich zum Glück retten, nutzt die Atempause zum Auftanken und Träumen. Seine Geliebte Coccinella hilft ihm dabei . Am nächsten Tag stürzt er sich, neugierig, mit neuem Elan, in eine sehr dunkle Welt. Ein Besuch bei den A-SS-eln vernichtet fast seinen Glauben an das Gute in der Welt. Seiner blühenden Phantasie verdankt er die rettende Idee, dem Mauer-a-SS-elführer mit der Erklärung „Alles ist verkehrt. Alles ist aber alles.“ anzustacheln, durcheinander zu bringen. Dieses gelingt ihm auch bei der Rasselbande der Kellerasseln, der gegnerische Feind der Mauera-SS-eln ( anfangs verwirrender Doppelkonsonanteneinsatz, der im Laufe des Textes Wirkung zeigt!).
Kurz vor seinem Abflug aus dieser Welt , „sah Luzius auch Asseln, die verstohlen martialisch grimmig dreinschauten. Und er ahnte, diese Zeitgenossen würden irgendwann erneut mit dem alten ewigen Stunk beginnen.“

Obige Aussage weckt Erinnerungen an Nagib Machfus Roman „ Die Kinder unseres Viertels“. Nach längerer Zeit des Friedens kehrt wellenartig Aufruhr und Unterdrückung zurück. Die Frankfurter Rundschau schrieb dazu: „Die Parabel von der ewigen Spirale der Gewalt, vom Segen der Demokratie und vom Fluch des Vergessens ...“

Reisender im Mondlicht

Es dürfte im Wesen des Herrn Török liegen, der Reisende im Mondlicht, dass er beim bloßen Ausdruck seiner Erzählfreude nicht stehen bleibt, sondern seine Darstellung zum Sinn des Lebens in obiger Form zum Ausdruck bringt.
Luzius gehört schon jetzt zu meinen Büchern, die wegen zu häufigen lese(ns) Esel(s)ohren besitzen. In diesem Fall mit großer Freude!

„Asellus ist ein berühmter lateinischer Name und bedeutet Eselchen.“
Beschreibung des Unterführers der RaSSelbande. Sprach-und Wortjongleur Török! Mit einer besonderen Form des Anagramms, dem Palindrom, verspottet er braunes Gedankengut und trägt ein Stück weit die schwere Last der jüngeren Geschichte.

Fabula docet!
( Die Fabel belehrt!)

jbs

Die obig langen zitierten Textstellen aus dem Buch „ Das Buch Luzius“ sind mit freundlicher Genehmigung des Schriftstellers Imre Török veröffentlicht.


Auszug einer Török-Lesung, Ludwigsburg 2012
http://www.youtube.com/watch?v=v5LO3NQuicM


„Das Buch Luzius“ von Imre Török
http://wp.pop-verlag.com/?tag=imre-toeroek

Logopoioi
http://translate.google.de/translate?hl=de&sl=en&u=http://en.wikipedia.org/wiki/Logographer_(history)&prev=/search%3Fq%3Dlogopoioi%26hl%3Dde%26biw%3D1366%26bih%3D643%26prmd%3Dimvns&sa=X&ei=bOtOUM_qM6_R4QSSrIHQCQ&sqi=2&ved=0CCUQ7gEwAA

Äsop

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84sop

fire together, wire together
http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000006492/Marsch_Metaphern.pdf

9
Sep
2012

Aus den Fugen ... Sulzer

Aus den Fugen von Alain Claude Sulzer


Hammerklaviersonate Nr. 29 von Beethoven und die Goldberg-Variationen

Zitat:
„Die Hammerklaviersonate macht auch anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung.“

Joachim Kaiser, Musik-, Literatur-und Theaterkritiker

Dieses Zitat lässt sich nach der Lektüre des unten besprochenen Buches eins zu eins übertragen. Alain Claude Sulzer brilliert mit seiner aktuellen Erzählung.

Nähert man sich dem neuen Roman von Alain Claude Sulzer „Aus den Fugen“ mit den Goldberg-Variationen von J.S. Bach an, dann erschließen sich einem die einzelnen Kapitel zu feinsinnigen Variationen, die das Hauptthema vielfältig, harmonisch und spannend verflechten. Und der innere Zusammenhang der Variationen liefert das gemeinsame Thema: Es ist der Konflikt zwischen persönlicher Identität und sozialer Rolle.

Aria
Marek Olsberg


Die erste Stimme, sozusagen die einleitende Aria, die Sulzer „komponiert“ und dem Leser vorstellt, ist die Stimme von Marek Olsberg. Marek Olsberg, ein begnadeter, weltberühmter Ausnahmepianist, ein introvertiertes Genie, ein musikalischer Popstar, verlässt ohne Vorankündigung am Ende des ersten musikalischen Satzes die Bühne der Berliner Philharmonie und bricht aus seinem bisherigen Leben aus.

„Marek hatte seinem Leben, seiner Außenwirkung, im Handumdrehen eine neue Richtung gegeben. Die Wendung war radikal, um so radikaler, als sie nicht beabsichtigt, also auch für ihn überraschend gewesen war. Desto schwerer würden die Folgen wiegen, über die er sich erst später Gedanken machen wollte, wenn überhaupt. … Sein Leben war aus den Fugen geraten. Er war allein. Er war frei. Niemand folgte ihm. … Aus den Fugen, um sich in alle Richtungen zu verzweigen.“

Nachfolgend erweitert Sulzer mit verschiedenen Personen aus dem Publikum und den Olsberg- Mitarbeitern seinen Zyklus.

Variation 1
( die nachfolgenden Variationen sind nicht chronologisch aufgeführt!)
Astrid Maurer

Man findet an Olsbergs Seite Astrid Maurer, seit vielen Jahren seine engste Mitarbeiterin und Vertraute. Er kann sich hundertfünfzigprozentig auf sie verlassen, doch im entscheidendem Moment seines Lebens verschläft sie seinen Abgang.

Variation 2
Solveig und Esther


Oder die zwei Freundinnen Solveig und Esther, deren Motivation, das Olsberg-Konzert zu besuchen, äußerst unterschiedlich ausfällt. Esther erlebt im Laufe der weiteren Kapitel eine bitterböse Überraschung, die ihre langjährige Ehe mit Thomas, einem Arzt, mächtig ins Schwanken bringt. Ein spannendes Personenportrait!

Variation 3 und 4
Johannes Melzer und Marina-Bettina


Die Variation Johannes Melzer, lang schon glücklich (?!) verheiratet mit Renate, der ständig „daran dachte, wie es wäre, wenn jetzt eine Frau anwesend wäre, die ihm einen geblasen hätte“,sich mit Marina/Bettina verabredet, um mit ihr während seines beruflichen Berlinaufenthaltes Olsbergs Konzert zu besuchen. Aus diesem Vorhaben wird nichts, denn sie begeben sich lieber in ein französisches Lokal, in dem ausschließlich von sächsischen Angestellten auf französisch kommuniziert wird ( eine sehr sympathische, einfach zum Schmunzeln, erzählte Episode). Nach einem fürstlichen Diner finden sie sich im Hotelzimmer wieder und die „hundertachtzig Euro die Stunde, von der sie wahrscheinlich die Hälfte abgeben musste,“ war sie ihm wert.
„Es kommt mir vor, als seien wir uns schon einmal begegnet“ bemerkt er beim anfänglichen Treffen. Sein großes Erwachen und Erkennen kommt dann allerdings zu spät.

Variation 5
Sophie und Klara


Sophie und Klara bilden eine weitere Variation in Sulzers Werk. Tante und Nichte. Sophie, die Tante von Klara, ist wegen der enttäuschten Liebe zum Gatten ihrer Schwester zur heimlichen Alkoholikerin geworden. Klara hat dies jedoch längst bemerkt, lässt ihre Tante beim gemeinsamen Olsberg-Konzert auflaufen und erst nach dem unvermutetem schlagartigem Beenden des Abends, klärt sich die Stimmung zwischen den Beiden auf, nachdem Klara von ihrer Beziehung zum Stiefvater erzählt.

Variaton 6
Lorenz, der Kellner


Wie soll es in Sulzers Romanen auch anders sein, ein Kellner, mit einer nicht unbedeutenden Rolle, der seinen Ruf und seine Freiheit riskiert, um endlich aus seinem Schattendasein treten zu können, wird in dem Personengerüst mit eingebaut.
„Worauf er lange, aber am Ende doch nicht auf ewig hatte bauen können, sein gutes Aussehen, ging allmählich den Weg jeder Attraktivität. Was übrig blieb – und nicht ganz so viel zählte -, waren die guten Manieren, das sichere Auftreten, die feinst austarierte Balance zwischen Arroganz und Unterwürfigkeit, die es zu halten galt, lauter Dinge, die für einen Leihkellner noch etwas wichtiger waren als für einen Angestellten im Restaurant. Leihkellner, wie das klang! Es klang wie ein abgetragener, speckiger Anzug, den man in den Kostümverleih gebracht und dort vergessen hatte. Aber Angestellter hatte er nie sein wollen. Allein die Vorstellung peinigte ihn.“

Um dieser Existenz zu entfliehen, eröffnet sich ihm am späteren Abend, nachdem Olsberg sein eigenes Konzert sang-und klanglos verlassen hatte, eine verrückte Chance, die er am Schopfe packt. Es gelingt ihm, einige Werte aus der Villa zusammenrauben, in der der anschließende Galaabend zu Ehren Olsberg hätte stattfinden sollen, die ihm eine Lebensveränderung ermöglichen würde. Mit Entdeckung durch die Hausdame rechnet Lorenz nicht.

Variation 7 und 8
Claudius und Nico


In einer Variation wird Claudius vorgestellt. Er ist der Agent von Marek Olsberg und dessen früherer Liebhaber. Claudius ist mit seiner aktuellen Liebe, dem gutaussehendem Nico, in einem Taxi unterwegs zur Philharmonie. Während der Autofahrt kommt es zu einem Streit zwischen dem ungleichen Liebespaar. Nico steigt bei der nächst besten Möglichkeit aus und lässt Claudius allein zu dem Konzert weiterfahren. Während Nico sich nach einem Kinobesuch in einer Bar wiederfindet, begreift Claudius langsam, dass diese Beziehung endgültig vorbei ist.

Dur und Moll

Im zweiten Teil des Romans balanciert Sulzer seine Variationen aus. Meist in Moll, während im ersten Teil Dur vorherrscht.

Coda

Mit einer Coda, einem angehängten ausklingendem Teil ( aus dem italienischem: musikalisch = Schwanz), enden die Variationen. Vierzig kleine belletristische Kompositionen (Kapitel) liegen zwischen Aria und Coda.

Und alleinig Astrid Maurers Abgang, der im Grunde genommen keiner ist, weil ihr Part mit der Einnahme einer Migränetablette endet, ist in meinen Augen nicht ganz glücklich gelungen.

Warum Marek Olsberg sich für seinen Weg entscheidet, das erfahren die LeserInnen von Sulzer nicht explizit. Spielraum für eigene Vorstellungen bleibt genügend.

Und auch sonst bietet Alain Claude Sulzer natürlich keine zufriedenstellenden Lösungen für die Protagonisten an. Das ist bei einem solchen Buch tabu!
Das Leben geht weiter und ein blinder Klavierstimmer, vielleicht der Autor selbst?, stellt zum Schluss auf einem neuen Konzert fest ( ein Duo, das auf zwei Klavieren spielt), dass er mehr Arbeit haben würde, als zwei Wochen zuvor, als sich Olsberg für das Konzert einen Steinway auswählte.

Ein sprachlich wunderbares neues Werk vom Schriftsteller Alain Claude Sulzer. Leise beginnend, mit einem Donnerschlag ( nicht nur) in der Mitte aufwartend und der zum Ende hin mit mancher Überraschung brilliert.

Biografische Parallelitäten zu Vladimir Horowitz blitzen hervor und Beethoven und Bach begleiten mich als Leserin durch die Kapitel. Aus diesem Grund füge ich im Anschluss dieser Buchbesprechung einige Links ein.

Ein Sohn J. S. Bachs soll folgende Aussage festgehalten haben:

„Einst äußerte der Graf ( Hermann Carl von Keyserlingk) gegen Bach, dass er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg ( hochbegabter Cembalist) haben möchte, die so sanften und etwas muntern Charakters wären, dass er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte. Bach glaubte, diesen Wunsch am Besten durch Variationen erfüllen zu können, die er bisher, der stets gleichen Grundharmonie wegen, für eine undankbare Arbeit gehalten hatte.“

„Aus den Fugen“, ein Buch zum Genießen.

Die kursiv gesetzten Textstellen sind zitiert und dem Buch entnommen. Bis auf den letzten Absatz zur Goldberg-Erklärung, dieser ist Wikipedia entnommen.


Aus der Coda die zwei dort nicht namentlich genannten Pianisten. Jedoch dürfte es sich um dieses Paar handeln:

http://www.youtube.com/watch?v=SD2g3lELjoQ

Vladimir Horowitz
Carmen-Variationen ( weil ich die sehr schön finde und die Goldberg-Variationen oben schon angespielt wurden und unten von Chen Pi-Hsien interpretiert werden)

http://www.youtube.com/watch?v=QkrfOg1pTOc

Chen Pi-Hsien ( Goldberg-Variationen)

http://www.youtube.com/watch?v=-mHbF3YAAYs

Horowitz, Legende und Wirklichkeit

http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/article94PSV-1.310581

( Kleine Änderung/Ergänzung am 10.09.2012 vorgenommen)
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"Vielleicht war vor den Lippen schon das Flüstern da und ohne Bäume tanzte schon das Laub."Ossip Emiljewitsch Mandelstam

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