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LLLL

LLLL = Lange Lange Lese Liste


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Steve Sem-Sandberg
Die Elenden von Łódź

10
Sep
2012

Mandelstam

Budapest-10-09-241
jbs ... Budapest 2ooozehn

mein buch spricht davon,
dass das auge ein instrument
des denkens ist,
dass das licht eine kraft und dass
das ornament gedanke ist.


Ossip Emiljewitsch Mandelstam


Friedrich Gulda ... Ludwig Van Beethoven - Concierto Para Piano #5 Emperador - III. Rondo Allegro

http://www.youtube.com/watch?v=CVeA0nwyZO4&feature=related

9
Sep
2012

Aus den Fugen ... Sulzer

Aus den Fugen von Alain Claude Sulzer


Hammerklaviersonate Nr. 29 von Beethoven und die Goldberg-Variationen

Zitat:
„Die Hammerklaviersonate macht auch anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung.“

Joachim Kaiser, Musik-, Literatur-und Theaterkritiker

Dieses Zitat lässt sich nach der Lektüre des unten besprochenen Buches eins zu eins übertragen. Alain Claude Sulzer brilliert mit seiner aktuellen Erzählung.

Nähert man sich dem neuen Roman von Alain Claude Sulzer „Aus den Fugen“ mit den Goldberg-Variationen von J.S. Bach an, dann erschließen sich einem die einzelnen Kapitel zu feinsinnigen Variationen, die das Hauptthema vielfältig, harmonisch und spannend verflechten. Und der innere Zusammenhang der Variationen liefert das gemeinsame Thema: Es ist der Konflikt zwischen persönlicher Identität und sozialer Rolle.

Aria
Marek Olsberg


Die erste Stimme, sozusagen die einleitende Aria, die Sulzer „komponiert“ und dem Leser vorstellt, ist die Stimme von Marek Olsberg. Marek Olsberg, ein begnadeter, weltberühmter Ausnahmepianist, ein introvertiertes Genie, ein musikalischer Popstar, verlässt ohne Vorankündigung am Ende des ersten musikalischen Satzes die Bühne der Berliner Philharmonie und bricht aus seinem bisherigen Leben aus.

„Marek hatte seinem Leben, seiner Außenwirkung, im Handumdrehen eine neue Richtung gegeben. Die Wendung war radikal, um so radikaler, als sie nicht beabsichtigt, also auch für ihn überraschend gewesen war. Desto schwerer würden die Folgen wiegen, über die er sich erst später Gedanken machen wollte, wenn überhaupt. … Sein Leben war aus den Fugen geraten. Er war allein. Er war frei. Niemand folgte ihm. … Aus den Fugen, um sich in alle Richtungen zu verzweigen.“

Nachfolgend erweitert Sulzer mit verschiedenen Personen aus dem Publikum und den Olsberg- Mitarbeitern seinen Zyklus.

Variation 1
( die nachfolgenden Variationen sind nicht chronologisch aufgeführt!)
Astrid Maurer

Man findet an Olsbergs Seite Astrid Maurer, seit vielen Jahren seine engste Mitarbeiterin und Vertraute. Er kann sich hundertfünfzigprozentig auf sie verlassen, doch im entscheidendem Moment seines Lebens verschläft sie seinen Abgang.

Variation 2
Solveig und Esther


Oder die zwei Freundinnen Solveig und Esther, deren Motivation, das Olsberg-Konzert zu besuchen, äußerst unterschiedlich ausfällt. Esther erlebt im Laufe der weiteren Kapitel eine bitterböse Überraschung, die ihre langjährige Ehe mit Thomas, einem Arzt, mächtig ins Schwanken bringt. Ein spannendes Personenportrait!

Variation 3 und 4
Johannes Melzer und Marina-Bettina


Die Variation Johannes Melzer, lang schon glücklich (?!) verheiratet mit Renate, der ständig „daran dachte, wie es wäre, wenn jetzt eine Frau anwesend wäre, die ihm einen geblasen hätte“,sich mit Marina/Bettina verabredet, um mit ihr während seines beruflichen Berlinaufenthaltes Olsbergs Konzert zu besuchen. Aus diesem Vorhaben wird nichts, denn sie begeben sich lieber in ein französisches Lokal, in dem ausschließlich von sächsischen Angestellten auf französisch kommuniziert wird ( eine sehr sympathische, einfach zum Schmunzeln, erzählte Episode). Nach einem fürstlichen Diner finden sie sich im Hotelzimmer wieder und die „hundertachtzig Euro die Stunde, von der sie wahrscheinlich die Hälfte abgeben musste,“ war sie ihm wert.
„Es kommt mir vor, als seien wir uns schon einmal begegnet“ bemerkt er beim anfänglichen Treffen. Sein großes Erwachen und Erkennen kommt dann allerdings zu spät.

Variation 5
Sophie und Klara


Sophie und Klara bilden eine weitere Variation in Sulzers Werk. Tante und Nichte. Sophie, die Tante von Klara, ist wegen der enttäuschten Liebe zum Gatten ihrer Schwester zur heimlichen Alkoholikerin geworden. Klara hat dies jedoch längst bemerkt, lässt ihre Tante beim gemeinsamen Olsberg-Konzert auflaufen und erst nach dem unvermutetem schlagartigem Beenden des Abends, klärt sich die Stimmung zwischen den Beiden auf, nachdem Klara von ihrer Beziehung zum Stiefvater erzählt.

Variaton 6
Lorenz, der Kellner


Wie soll es in Sulzers Romanen auch anders sein, ein Kellner, mit einer nicht unbedeutenden Rolle, der seinen Ruf und seine Freiheit riskiert, um endlich aus seinem Schattendasein treten zu können, wird in dem Personengerüst mit eingebaut.
„Worauf er lange, aber am Ende doch nicht auf ewig hatte bauen können, sein gutes Aussehen, ging allmählich den Weg jeder Attraktivität. Was übrig blieb – und nicht ganz so viel zählte -, waren die guten Manieren, das sichere Auftreten, die feinst austarierte Balance zwischen Arroganz und Unterwürfigkeit, die es zu halten galt, lauter Dinge, die für einen Leihkellner noch etwas wichtiger waren als für einen Angestellten im Restaurant. Leihkellner, wie das klang! Es klang wie ein abgetragener, speckiger Anzug, den man in den Kostümverleih gebracht und dort vergessen hatte. Aber Angestellter hatte er nie sein wollen. Allein die Vorstellung peinigte ihn.“

Um dieser Existenz zu entfliehen, eröffnet sich ihm am späteren Abend, nachdem Olsberg sein eigenes Konzert sang-und klanglos verlassen hatte, eine verrückte Chance, die er am Schopfe packt. Es gelingt ihm, einige Werte aus der Villa zusammenrauben, in der der anschließende Galaabend zu Ehren Olsberg hätte stattfinden sollen, die ihm eine Lebensveränderung ermöglichen würde. Mit Entdeckung durch die Hausdame rechnet Lorenz nicht.

Variation 7 und 8
Claudius und Nico


In einer Variation wird Claudius vorgestellt. Er ist der Agent von Marek Olsberg und dessen früherer Liebhaber. Claudius ist mit seiner aktuellen Liebe, dem gutaussehendem Nico, in einem Taxi unterwegs zur Philharmonie. Während der Autofahrt kommt es zu einem Streit zwischen dem ungleichen Liebespaar. Nico steigt bei der nächst besten Möglichkeit aus und lässt Claudius allein zu dem Konzert weiterfahren. Während Nico sich nach einem Kinobesuch in einer Bar wiederfindet, begreift Claudius langsam, dass diese Beziehung endgültig vorbei ist.

Dur und Moll

Im zweiten Teil des Romans balanciert Sulzer seine Variationen aus. Meist in Moll, während im ersten Teil Dur vorherrscht.

Coda

Mit einer Coda, einem angehängten ausklingendem Teil ( aus dem italienischem: musikalisch = Schwanz), enden die Variationen. Vierzig kleine belletristische Kompositionen (Kapitel) liegen zwischen Aria und Coda.

Und alleinig Astrid Maurers Abgang, der im Grunde genommen keiner ist, weil ihr Part mit der Einnahme einer Migränetablette endet, ist in meinen Augen nicht ganz glücklich gelungen.

Warum Marek Olsberg sich für seinen Weg entscheidet, das erfahren die LeserInnen von Sulzer nicht explizit. Spielraum für eigene Vorstellungen bleibt genügend.

Und auch sonst bietet Alain Claude Sulzer natürlich keine zufriedenstellenden Lösungen für die Protagonisten an. Das ist bei einem solchen Buch tabu!
Das Leben geht weiter und ein blinder Klavierstimmer, vielleicht der Autor selbst?, stellt zum Schluss auf einem neuen Konzert fest ( ein Duo, das auf zwei Klavieren spielt), dass er mehr Arbeit haben würde, als zwei Wochen zuvor, als sich Olsberg für das Konzert einen Steinway auswählte.

Ein sprachlich wunderbares neues Werk vom Schriftsteller Alain Claude Sulzer. Leise beginnend, mit einem Donnerschlag ( nicht nur) in der Mitte aufwartend und der zum Ende hin mit mancher Überraschung brilliert.

Biografische Parallelitäten zu Vladimir Horowitz blitzen hervor und Beethoven und Bach begleiten mich als Leserin durch die Kapitel. Aus diesem Grund füge ich im Anschluss dieser Buchbesprechung einige Links ein.

Ein Sohn J. S. Bachs soll folgende Aussage festgehalten haben:

„Einst äußerte der Graf ( Hermann Carl von Keyserlingk) gegen Bach, dass er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg ( hochbegabter Cembalist) haben möchte, die so sanften und etwas muntern Charakters wären, dass er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte. Bach glaubte, diesen Wunsch am Besten durch Variationen erfüllen zu können, die er bisher, der stets gleichen Grundharmonie wegen, für eine undankbare Arbeit gehalten hatte.“

„Aus den Fugen“, ein Buch zum Genießen.

Die kursiv gesetzten Textstellen sind zitiert und dem Buch entnommen. Bis auf den letzten Absatz zur Goldberg-Erklärung, dieser ist Wikipedia entnommen.


Aus der Coda die zwei dort nicht namentlich genannten Pianisten. Jedoch dürfte es sich um dieses Paar handeln:

http://www.youtube.com/watch?v=SD2g3lELjoQ

Vladimir Horowitz
Carmen-Variationen ( weil ich die sehr schön finde und die Goldberg-Variationen oben schon angespielt wurden und unten von Chen Pi-Hsien interpretiert werden)

http://www.youtube.com/watch?v=QkrfOg1pTOc

Chen Pi-Hsien ( Goldberg-Variationen)

http://www.youtube.com/watch?v=-mHbF3YAAYs

Horowitz, Legende und Wirklichkeit

http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/article94PSV-1.310581

( Kleine Änderung/Ergänzung am 10.09.2012 vorgenommen)

1
Sep
2012

Skizze II

Skizze II

Am Rande des Flusses schauten wir unverwandt in den Sog.
„Ein Tor zu den verschlafenen Gewässern,“ sinierte Marek und sah einen kurzen Augenblick zu mir hinüber.
Ich nahm mein Fernglas in die Hand, versuchte die Schärfe optimal einzustellen und schaute in Erwartung der Träume, meiner Träume, tief in das Auge des Strudels. Über uns schwebte ein lichtes Wolkengebilde aus Zuckerwatte und ein lang vergessener Geschmack klebriger Süße machte sich plötzlich auf Lippen und Mund breit.
„Dies ist die Stelle, nicht wahr?“ fragte ich Marek und dann sah ich durch mein Vergrößerungsglas, wie sich Realität und Illusion in einem nicht enden wollenden Drift miteinander verbündeten, vermischten, verketteten, verknüpften.
„Das Ewige in der Harmonie der Natur und das unerklärlich grausame in den Handlungen der Menschen begreifen,“ entschlüpfte es meinen Lippen, „ ein Kirgise hatte es so, oder so ähnlich, einmal geschrieben.“

jbs 2ooozwölf

18
Aug
2012

Ein Chronist der Elenden ...

... Steve Sem-Sandberg und sein Roman "Die Elenden von Lodz"

"Die Elenden von Lodz" von Steve Sem-Sandberg, "Die Uhr meines Vaters" von Michael Moshe Checinski und "Die Bücherdiebin" von Markus Zusak ... über jedes dieser Bücher hätte ich gerne einen Leseeindruck hinterlassen. Aber es ist mir unmöglich, nach der Lektüre passende Worte zu finden.
Nur so viel sei gesagt, Sem-Sandbergs Roman finde ich, trotz Kritik von Seiten von der Holocaust-Forscherin Monika Polit, gelungen und unbedingt lesenswert!

Ich möchte aus einer der vielen Rezensionen/Buchbesprechungen zitieren:
"2009 kamen „Die Elenden von Lodz“ heraus, keine Dokumentation, auch kein Dokumentar-Roman, obwohl sich Sem-Sandberg, wo immer möglich, auf dokumentarisches Material stützt, vor allem auf die mehrere tausend Seiten umfassende Chronik des Gettos von Lodz. Er verwandelt vielmehr die Fakten in Fiktion. Ich möchte, in Anlehnung an den Marxschen Begriff der Realabstraktion von einer „Real-Fiktion“ sprechen. „Die Elenden von Lodz“ beschreiben etwas, was sich nicht beschreiben lässt. Schweigen wäre tatsächlich die angemessene Reaktion. Doch, um die Wahrheit zu sagen, muss das Schweigen beredt werden. Sem-Sandberg re-konstruiert, aus dem vorhandenen Material, das er nach ästhetischen Gesichtspunkten arrangiert, die Geschichte. Im Ergebnis erscheint, nur scheinbar paradox, Wahrheit ..." Martin Lüdke in www.faust-kultur.de

Deutschlandradio Kultur hält auch eine Kritik vom 26.09.2011 vor:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1563224/

Weitere Links zum Thema Getto Lodz und Holocaust:

http://www.holocaustliteratur.de/taetigkeiten/projekte/abgeschlossene-projekte/getto-chronik.html

http://faustkultur.de/kategorie/literatur/buchkritik-sandberg.html#.UC_DF90aPiV

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1563224/

http://www.rbb-online.de/kowalskitrifftschmidt/archiv/kowalski_trifft_schmidt/die_elenden_von__od.html

29
Jul
2012

eigenes lied

Ortlergruppe-2009
jbs
2oooNeun

eigenes lied

nachdem der tag
sich abgemüht hat
und von
elektrischen lampen pudriger staub
alter mottenflügel fällt,
verblühte süßkleezweige und
gepresste augenblicke aus buchdeckeln
über lunars meer der ruhe
schweben,
taumelt er tiefer in das rund
des mondes in zeit
und raum und trifft
richtung unendlickeit
im herzschlag
das eigene lied.
(c)

jbs juli 2ooozwölf

Da Juchitzer
http://www.youtube.com/watch?v=4tlhTkX8y4c

14
Jun
2012

in diesem nassen juni

in diesem nassen juni

pfeilschnelle mauersegler
schrillen
stakkato
artig
sisisisi
über rot
getupfte matten

wolken schieben
schwere tropfen
durch die zeit
warte eine weile
und iris tanzt
über
licht und farbe
nach
irgendwo

ungeduldig zupfst du
rote beeren,
lieb
äugelst
mit einem biss
und lachst
fortissimo
mit süßem erdbeermund

jbs
juni 2ooozwölf

3
Jun
2012

marimba

seifenblase
Quelle: Internet ( Adresse nicht mehr wieder gefunden)

Wunderschön anzuhören.

Jasmin Kolberg spielt ein Solo auf der Marimba.

Libertango

http://www.youtube.com/watch?v=GDvajNygZ_M

und

Piano Particles - Reel LIVE

http://www.youtube.com/watch?v=xeUT_NWF5K8

22
Mai
2012

Oktoberplatz

Oktoberplatz

Wahrlich meisterhaft geschrieben!

Martin von Arndt erzählt in seinem neuen Roman „Oktoberplatz“ eine äußerst spannungsreich auskalkulierte Story über die politische Entwicklung Weißrusslands und charakterisiert dessen Hintergründe souverän. Und das Ganze in seiner so typischen Art und Weise, Prosa lyrisch zu untermalen. Und von Arndt wäre nicht von Arndt, würde er nicht wieder einen tragischen Helden für seine Geschichte auswählen.
Wasil Mikalajewitsch prägt diese Rolle und der Autor nimmt den Leser mit nach Hrodna, dem Städtchen im Belarus, in dem Wasil 1974 geboren wird. Er wächst dort mit drei, fast gleichaltrigen, Tantchen auf, mit denen er nacheinander in inzestuösen Verhältnissen leben wird. „Skandal“ möchte man anfangs meinen. Was für ein „Skandal“. Nicht nur einen Mord an eine der Tanten klügelt er aus, nein, er stürzt sich auch noch in sexuelle Abhängigkeiten.

Nachdem seine engste Bezugsperson, der Großvater Istvan, wegen abnormen Alkoholkonsums tödlich verunglückt, die Familie nach der Bestattung eine Neuorientierung sucht, findet Wasil in einem Garagenversteck das Vermächtnis seines Vaters: „ … eine so große Summe Devisen, dass ich, für diesmal, nicht nur eine Augenbraue hob. Dann lag da noch ein Zettel, auf den Vater in Großbuchstaben geschrieben hatte. 'Mach was aus deinem Leben. Am besten hau ab von hier'.“

Wasil's Gedanken fangen an „wie in einem Elektronenbeschleuniger die Arbeit aufzunehmen“ und er stellt 1999 nach einer unruhigen Nacht fest: „Ich war siebzehn Jahre alt. Ich war frei. Und das Land meiner Geburt hatte aufgehört zu existieren.“

Er wird abhauen. Immer auf der Suche nach Heimat, Bodenständigkeit und Freiheit in den wirren Zeiten der Neuorientierung von Belarus und den postsowjetischen Nachbarstaaten.

In diesen Monaten übernimmt ein autokratischer Präsident die Regierungsarbeit und die Menschen im Belarus müssen sich, nachdem das Weißrussische schon von Stalin unterdrückt wurde, erneut einer Diktatur stellen.
Genau in dieser Zeit reist Wasil nach Ungarn aus, in das Land seiner Vorfahren. Auf dem Paßamt in Hrodna will der Beamte der Regierungsbehörde OWIR kein Verständnis für die Ausreise aufbringen, denn „ Jetzt wird hier endlich unsere Sprache gesprochen … und da kommen Sie daher, ein junger Mensch, und wollen weg.“
Seine Ausreise fällt in die zaghafte Wiedergeburt der weißrussischen Sprache, die, wie oft gedacht, kein Dialekt, sondern wie das Ukrainische, eine eigene ostslawische Sprache ist und als fast ausgestorben angesehen werden konnte. Russisch gilt als erste Amtssprache. Aber das interessiert Wasil nicht. Er ist ein Heimatsuchender, ein für die „Hiesigen kein Hiesiger.“

Wasil „ … kehrte zurück zu Großpapa, in Großpapas Land. Wie meine Landsleute: Alle kehrten wir zurück zu unseren Großvätern, Nur daß die anderen Belarussen das Land nie verließen, es kam einfach zu ihnen. Es kam über sie. Und die meisten haben es nicht einmal gewollt.“

Metaphern auf die politisch-geschichtlichen Hintergründe der sogenannten Präsidialrepublik Weißrusslands finden sich immer wieder, schon ganz zu Beginn des Romans, wenn von Arndt Zeilen aus der Songlyrik der russischen Musikband N.R.M.: „Drei Schildkröten“ zitiert:

„ Wenn du in der Kommunalka ( Gemeinschaftswohnung)
plötzlich die Ausdünstungen riechst
Und dich das Leben in den Schwitzkasten nimmt
Wirst du verstehen, daß nach wie vor
Drei Schildkröten diese Welt ziehen.
Warte nicht ab, es wird keine Überraschungen geben.“


Ein Bild will sich dann nach dem Lesen öffnen: Eine schildkrötenhaft langsame Entwicklung von politischen Troikas postsowjetischer Staaten. Stillstand von Entwicklungen nicht ausgeschlossen.

Oder eine Dreiecksgeschichte. Drei Schildkröten. Drei Republiken. Drei Tanten. Jede steht für ein Land. Marya für Polen, Tatsiana für Ungarn, Alezja für Belarus.
Und mittendrin der Antiheld Wasil Mikalajewitsch.
Aber zum Ende des Romans hin, lösen sich diese Interpretationsansätze in Luft auf. Denn ab Seite 219 taucht ein Gedicht von Thomas Wolfe aus „Tod, der stolze Bruder“ auf, welches als Schlüsselszene zum gesamten Werk angesehen werden kann.

„Sie kommen,
meine großen dunklen Pferde kommen!
Mit dem sachten und rauschenden Innern ihrer Hufe.
Die Pferde des Schlafs galoppieren,
galoppieren über das Land.“

Über diese Verse kommen sich Wasja und seine jüngste Tante Marya sehr nahe. Seelenverwandtschaft trifft den Kern. Wasja steht ab dem Zeitpunkt endgültig einem Wendepunkt in seinem Leben gegenüber. Er muss sich entscheiden.
Von da an überschlagen sich die Ereignisse. Wasja schreckt nicht zurück, einen Mord zu planen. Ein mitreißender Schluß.

Martin von Arndt hat mit diesem Roman erneut gezeigt, was für ein grandioser Erzähler er ist. Mit einer unglaublich farbigen, lyrischen und suggestiven Sprache beschwört er wunderbar poetische Bilder vor das Auge des Lesers, man möchte einzelne Textstellen ständig wiederholen.
Ein Lesegenuss!

jbs
22.Mai 2ooozwölf

Buch und Verlag:
http://www.vonarndt.de/pdf/oktoberplatz-vorschau.pdf

Trailer zum Buch:
http://www.youtube.com/watch?v=Mnj3frt9okc

Bucherwerb:
http://www.amazon.de/Oktoberplatz-Meine-gro%C3%9Fen-dunklen-Pferde/dp/3863510232/martinvonarndt

30.05.2012 nachgereicht:
Deutschlandfunk-Büchermarkt. Lerke von Saalfeld - Martin von Arndt - Ein Interview

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1769330/

Die kursiv geschriebenen Textstellen sind Zitate aus dem Buch "Oktoberplatz"
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lou salome

"Vielleicht war vor den Lippen schon das Flüstern da und ohne Bäume tanzte schon das Laub."Ossip Emiljewitsch Mandelstam

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Zuletzt aktualisiert: 26. Mai, 22:16

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