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LLLL

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Steve Sem-Sandberg
Die Elenden von Łódź

25
Nov
2012

I-M-R und "Und viele Grüße von Murphy"

Weihnachten-2008-146
SB 2oooacht

Abtauchen in andere Sphären, in Musikrichtungen, weit ab vom Mainstream. Das gelingt einem ziemlich gut mit der Band I-M-R. Oder auch (einst allein ... ) "In my Rosary". Lyrisch gehaltvoller Textinhalt begleitet einen während des akustischem Ohrenschmauß. Und wer noch nicht genug gehört hat, kann hier meinen Text lesen, in dem eine kleine Hommage an I-M-R hinter-unterlegt ist.

Aber erst den Link zur Band I-M-R ... :
http://www.poponaut.de/rosary-letters-from-paper-garden-p-11301.html

Und "Poor Little Lovesong" ...: http://www.youtube.com/watch?v=DCVOTEipbrs sowie
"Mirage" ... : http://www.youtube.com/watch?v=46jMWBimb8Y

Mein Eigentext von 2ooozehn mit einer kleinen Hommage an In my Rosary!



Und viele Grüße von Murphy
von janette bürkle 2010

„Whatever can go wrong, will go wrong“
Edward A. Murphy, jr.

Aus dem offenen Wagenfenster nicken mir die Palmwedel zu, geradeso, als wenn auch sie zum Abschied winken wollten. Ich drehe mich ein letztes Mal zum Haus um. Wie immer steht Frau Schröder an ihrem Fenster, lugt hinter halb vorgezogener Gardine zu mir auf die Straße herunter und hebt die Hand. Eigentlich will ich gar nicht reagieren, weil ich ihre neugierige Art nicht mag. Wie oft hatte sie durch den Türspion geblinzelt, wenn Nick mich besuchen kam. Man konnte das am Schatten hinter dem Guckloch erkennen. Nichts entgeht ihr, sie weiß von allen alles hier im Haus. Aber damit ist jetzt Schluss. Ich ziehe weg. Zu Nick, nach Füssen. In die Berge.

Ich hab' sie, trällerte er mir vor einer Woche ins Handy. Meine Ohrmuschel wurde vor Aufregung ganz heiß.
Ja, wirklich? Ganz echt und wirklich? Ich wollte es nochmal hören und drückte mir das Telephon viel zu fest an den Kopf. In mir drehte sich alles vor Freude.
Ja, es ist wahr. Pack' deine Sachen und komm. Nur abholen kann ich dich nicht. Beruf. Job. Du weißt! Aber die zweihundertvierzig Kilometer wirst du auch alleine schaffen, oder?
Klar, kein Problem. Bezieh die Betten, koch schon mal Kaffee, am Montag bin ich da.
Nick lachte, es war fast ein glucksen.
Na, jetzt komm erst mal rüber und dann - , den Rest sprach er nicht aus, brauchte er auch nicht.

Langsam hebe ich meinen Arm, ein kleines Lächeln huscht über mein Gesicht und dann winke ich endlich Frau Schröder zu. Sie winkt zurück, so als wenn ich heute abend wiederkommen würde. Komme ich aber nicht und sie weiß es nicht.
Ein kleiner Triumph für mich, denn ich habe es geschafft, meinen Auszug aus dem Appartement hinter ihrem Rücken zu bewerkstelligen.

Man erwacht, geht auf die Straße und überlebt. Das macht fröhlich. So oder so ähnlich hatte es Max Frisch gesagt, einer meiner angesagtesten Schriftsteller in der letzten Zeit. Und genauso fühle ich mich heute.
Ich lasse die Wagentür kräftig zufallen, merke nicht, wie ich die Palmblätter einklemme und starte
den Wagen. Ihr hilfloses flattern im Fahrtwind nehme ich nicht wahr, so sehr ziehen mich meine
Gedanken zu Nick.

Wer steht da am Straßenrand? Ein Tramper? Soll ich den mitnehmen? Platz hätte ich ja noch hier
vorne und die Fahrt zu zweit wäre kurzweiliger. Allerdings habe ich noch nie einen Tramper mitgenommen. Ach was soll's, irgendwann ist immer das erste Mal.

Steig ein, rufe ich ihm zu.

Er läuft auf das Auto zu, in der rechten Hand seinen Rucksack und in der linken ein Pappschild, auf dem groß 'Füssen/Reutte' steht. Mit Schwung lässt er sich auf den Beifahrersitz fallen, klemmt sein Gepäck und das Plakat neben Pflanze und Bücherkiste auf die Rückbank und meint: Glück!
Glück? Ich sehe ihn fragend an.

Ja, Glück, meint er, ich stehe erst seit zehn Minuten in der Kälte. Der Wind pfeift ganz schön. Sein Mund öffnet sich. Ich fixiere seine gelblichen Zähne und eine große Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen, er grinst ununterbrochen und stellt sich mir vor: Robert. Mein Name ist Robert, aber jeder nennt mich Rob. Also, einfach für dich nur Rob auf dieser Fahrt.

Dann zieht er eine Packung Zigarillos aus der Tiefe seiner Jackentasche. Seine andere Hand klopft die Hose ab, er sucht eindeutig Streichhölzer.

Und wie ist dein Name? will er von mir wissen.

Inken. Inken Zinkewitz. Übrigens, im Auto nicht rauchen. Ich vertrage das nicht.

Robert zündet sich sein Zigarillo an, ganz langsam, mit Genuß. Ich kann das trotz Weiterfahrt aus den Augenwinkeln beobachten. Meinen Einwand ignoriert er einfach.

So, Inken, Inken Zinkewitz. Einen Zinken - hat Inken - im Gesicht – nein, kein Witz.
Er hustet, er lacht und verschluckt sich. Öffnet das Fenster, spuckt kräftig hinaus, um danach erneut einen langen Zug zu nehmen. Dann verschliesst er es wieder. Mir wird schlecht. Jetzt öffne ich angewidert mein Fenster. Dabei befreie ich unbemerkt die Palmenblätter.

„In my Rosary“ schiebe ich in den CD-Schacht meines Autoradios, vielleicht lenkt mich Musik ab. Kalter Februarwind bläst den Tabakrauch und die Elektroschwingungen von Synthesizer und Gitarre durch die Luft auf den Mittelstreifen. Gerade als die E-Gitarre zu „Mirage“ zupft, schaltet sich der Verkehrsfunk automatisch dazu:
Wegen eines Unfalls zwischen Ulm-Elchingen und Nersingen hat sich ein Stau von mehreren Kilometern gebildet. Wir empfehlen ihnen, rechtzeitig eine Umleitung zu nutzen.
Sachliche Radiodurchsage. Danach haben die Gitarren wieder Oberhand.

Der Stau löst sich bestimmt nach kurzer Zeit auf. Robert bläst seine Backen auf und entlässt kleine Rauchringe in die Luft. Ich fange an, es zu bereuen, diesen Menschen mitgenommen zu haben. Aber rauswerfen kann ich ihn auch nicht auf der Autobahn.

Da musst du jetzt durch, sage ich mir, es sind ja nur noch hundertdreißig Kilometer. Wenn nur der Stau nicht wäre.

Und schon muss ich einen Gang runter schalten, dann noch einen und jetzt ist Weiterfahren nicht
mehr möglich. Robert steigt ohne Erklärung aus, seine Sachen lässt er zurück und ich sehe, wie er Richtung Straßenrand verschwindet. Ein ohrenbetäubendes Hupkonzert hinter und neben mir fordert mich auf, unverzüglich weiterzufahren. Der Stau löst sich auf. Zwischen den rechts fahrenden Lastwagen sehe ich Robert am Straßenrand demonstrativ Richtung Felder blicken. Seine Haltung ist eindeutig. Ein harter Wasserstrahl beweist den Druck, den er verspürt haben musste. Mein rechter Fuß zittert über dem Gaspedal, ich würde ja zu gerne, aber sein Gepäck, das hält mich von meinem Vorhaben ab. Ich muss das Hupen aushalten. Langsam drehe ich meinen Kopf und erschrecke masslos. Ein fleischige Dogge hechelt mir durch das geöffnete Fenster ins Gesicht. Das Riesenkalb sitzt auf dem Beifahrersitz eines Volvos, der die ganze Zeit hinter mir fuhr und jetzt langsam überholt, da ich kein Gas gebe. Bellend teilt das Kalb mir seinen Ärger mit, weil ich blitzschnell die Scheibe hochkurbele, und dann sabbert mir der Köter auch noch gegen das Fensterglas. Eine mehrfach beringte Männerhand streichelt über den Kopf dieses Tieres und ich höre noch, wie er sagt: Brav, Sugar-Baby, nur ruhig, meine Süße, meine Kleine. Seine mir zugewandten Blicke sprechen Bände und rechts neben mir öffnet sich die Beifahrertür, Robert ist wieder da, bloß weiterfahren.

Sag ich doch, höre ich ihn neben mir pfeifen, der Stau löst sich schon auf.

In mir kocht es, der Siedepunkt ist erreicht. „In my Rosary“ spielt jetzt „Poor Little Love Song“, eines meiner Lieblingslieder, aber das bewirkt keine Besserung meiner Stimmung.

Die Autoschlange zieht sich etwas auseinander, nur schneller fahren geht immer noch nicht, irgendwo weiter vorn muss ein Langsamfahrer sein.

Robert, ich will nochmals versuchen, ihm meine Aversion gegen das Rauchen im Auto zu erklären und schaue ihn an. Der Wagen rollt so langsam hinter einem bunten Smart her, dass ich kurz die Straße aus den Augen lassen kann. Robert, ich -

Stop, brüllt er plötzlich, stop! stop! stop!

Ich setze den Befehl sofort um, aber es ist schon zu spät. Ohrenbetäubender Krach füllt den kleinen Raum um mich herum. Stoßstange sitzt auf Stoßstange.

Und nun? ich sehe Robert fragend an. Der ist ausgestiegen, die Smartfahrerin vor uns auch schon. Ich bleibe wie angeklebt sitzen. Es dauert keine fünf Minuten und Robert teilt mir mit, dass es zum Glück keinen Schaden gegeben hätte, auch wenn der Lärm schrecklich war. Und er würde jetzt im Smart weiterfahren. Er packt seine Siebensachen und ist weg. Richtig weg.

Nur langsam Gas geben, ich habe mich von dem Schrecken und der letzten halben Stunde noch nicht erholt, aber nur weg hier. Und die Fahrt bis nach Füssen hat nach eineinhalb Stunden endlich ohne Vorfälle und Staumeldungen ein Ende.

Direkt vor unserer neuen Wohnung finde ich auf Anhieb einen Parkplatz. Seitliches Einparken war noch nie meine Stärke, aber nach dieser Fahrt wird mir das gelingen. Mit meinen Sachen brauche ich dann nur über den Gehsteig und schon bin ich im Haus.
Ein jetzt schon bekannter hässlicher Lärm füllt erneut den Innenraum des Wagens. Ich steige aus. Was für ein Malheur. Die Stoßstange meines Wagens ist diesmal beim Aufprall auf einen Laternenpfahl abgefallen und spangenlos grinst mir die Kühlerhaube entgegen.

So ein verdammter Scheiß! Scheiße! Scheiße! Scheiße! fluche ich und trete kräftig gegen den Reifen.

Wie mit schwarzer Schuhwichse verziert, zieht sich ein Streifen über meine neuen hellen Wildlederstiefel. Ich will nur noch ins Haus, in die Dachwohnung zu Nick. Mit der Palme unter dem Arm steige ich drei Stockwerke hoch. Fahrstuhl defekt, das Schild war nicht zu übersehen.

Endlich bin ich vor meiner, nein unserer, neuen Wohnungstür. Wie freundlich alles aussieht. Der Zettel an der Tür ist für mich gedacht. Herzlich willkommen steht darauf. Und Kaffeeduft zieht durch die Ritzen. So habe ich es mir gewünscht. Ich stelle die Palme ab, ziehe das Papier vom Holz und entdecke auf der Rückseite eine Nachricht.

Hi, Inken. Muss nochmal ins Büro wegen der Landesausstellung, mach es dir schon mal gemütlich, bin gleich zurück. Nick.

Na, toll, und jetzt? In meiner Hosentasche fingere ich nach dem Haustürschlüssel. Nur da ist nichts. Nein, das darf jetzt nicht wahr sein. Wo habe ich den Schlüssel?

Ein mir bekanntes Kettengeräusch hält mich kurz von der Suche ab, ich drehe mich um. Ich sehe eine viel zu große karierte Schürze vor mir, in der ein kleines Wesen steckt, das mindestens achtzig Jahre alt sein muss. Die Sicherheitskette ihres Türschlosses in der Hand taxiert sie mich.

Sie müssen meine neue Nachbarin sein und einen Schlüssel haben sie anscheinend noch nicht. Möchten sie bei mir warten und einen Kaffee trinken?

Ich denke an die zurückgelassene Frau Schröder. Ich denke an Nick, der wie immer tausend andere Sachen im Kopf hat.
Mit einem Aufseufzen folge ich dem Duft vieler gerösteter Kaffeebohnen und der alten Nachbarin. Schröder, stellt sie sich bei mir vor, mein Name ist Schröder. Und wie heißen sie?

Murphy, denke ich mir, und ich heiße Murphy.

jbs 2ooozehn

22
Nov
2012

tête-à-tête

heute.
winziges herbst-"selbst"-gespräch.
im garten.
beim aufräumen.


tête-à-tête

dort
ein windlicht, leicht wiegend
zwischen stoppeln im gespinst
berauscht vom herbsttau, schläft
die spinne im netz

dort
hallt der altweibersommer
in verlassenen schneckenhäusern, wie
vom erdboden verschluckt sind iris,
dahlie und phlox

dort
auf schwerem nassen boden liegt
ein buntgelbes gekräuseltes kleid, und
schwarzbraune igelköpfe reiben
ihren sonnenhut am rostigem stahl

hier
in der kühlen abendstunde, flüstert er
mir zu,
ein kurzes jetzt wirbelt
in seinen händen
lebt
und ist
bis zur neige
da

vielleicht.
in jedem jahr.

jbs 2ooozwölf

19
Nov
2012

haiku 20

haiku 20

glänzend brauner kern
in stacheliger Hülle
nichts, was so ist, ist


jbs 2ooozehn

Korsika-3-047

4
Nov
2012

Tanka-Machi- Flašar

IMG_2055
jbs

"Kalt ist's heute!"
sag ich, und zurück
kommt
"Kalt ist's heute!"
... diese Wärme,
dass da einer ist,
der Antwort gibt!

Tawara Machi ...
... Jahrgang 1962 ist eine japanische Lyrikerin, Übersetzerin, Schriftstellerin.
Obiges Tanka ist dem Postkartenkalender "Fliegende Wörter" 2012 entnommen.

Tanka wurden oft verwendet, um jeder Art von Anlässen einen würdigen Abschluss zu geben. So wurde auch besonderer Wert auf die Schönheit des Gedichtes und die ästhetische Form gelegt. Entsprechendes Papier, Tinte, Schönschrift und eine symbolische Zugabe, wie ein Zweig oder ein Blatt wurden verwendet.

Auf diesem Video kann man Machi Tawara hören, wie sie auf japanisch eines ihrer Werke vorliest:

Machi Tawara reading her words

http://www.youtube.com/watch?v=rO6NBqQ5rqE


Milena Michiko Flašar

"Wer in einem Lachen nichts anderes als ein Lachen hört, der ist taub."

Eine weitere, zu beachtende junge Schriftstellerin ist in meinen Augen Milena Michiko Flašar.
Sie wurde 1980 in St. Pölten, Österreich, geboren und ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters.
Ihr Buch " Ich nannte ihn Krawatte", 2012 im Wagenbachverlag erschienen, lohnt sich sehr zu lesen.

Hikikomori und Salaryman

Der Inhalt des Buches beschreibt eine immer intensiver werdende Begegnung-Beziehung zweier Männer. Der Jüngere der beiden Japaner, der zwanzigjährige Taguchi Hiro, will sich anfangs auf gar keine Begegnung einlassen. Er gehört zu den vielen tausenden Personen in Japan, die als Hikikomori bezeichnet werden. Es sind Menschen, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren.

" ... Nach wie vor ging es mir darum, für mich zu sein. Ich wollte niemandem begegnen. Jemanden zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lauter Fäden. Kreuz und quer. Jemandem zu begegnen bedeutet, Teil seines Gewerbes zu werden, und dies galt es zu vermeiden."

Taguchi Hiro verstrickt sich in diesen Gedanken, der Tod einer Schulkameradin wirft ihn aus der Bahn. Sie wurde so sehr in der Schule gemobbt, dass sie den Freitod wählte. Und obwohl Taguchi sie mochte, half er ihr nicht. Nach dem Freitod des Mädchens zog Taguchi sich immer mehr zurück. Er bricht den Kontakt zu seinen Eltern ab, er wird ein Hikikomori. Und dann kommt doch irgendwann ein Tag, der den Wendepunkt in seinem Leben einläuten wird.
Er verlässt das Haus.
Drückt sich auf Straßen herum, findet in einem Park eine Bank, auf der er den ganzen Tag sitzt, tagelang, wochenlang, nur mit kurzen Unterbrechungen, um im Elternhaus zu schlafen und zu essen.

Und plötzlich ist er nicht mehr allein auf seiner Parkbank. Ein etwas älterer Herr, ein Salaryman, so bezeichnet man in Japan männliche Firmenangestellte, der tagein tagaus in gleichbleibender Ruhe seine Zeitung liest, sein Bentō auspackt und isst und sogar auf der Bank schläft, wird sein täglicher Begleiter.

Die Lüge

Der Salaryman erzählt von seiner Ehe, seiner liebevollen Frau, seinem behinderten Kind, das er nie angenommen hatte und das früh starb. Von der Isolation, in die sich das Ehepaar zurückzog, um den Schmerz auszuhalten. Und davon, dass er seinen Arbeitsplatz verloren habe und seiner Frau nichts davon erzählt hätte.

Was ich sagen möchte. Die Lüge hat ihren Preis. Einmal gelogen, findet man sich in einem anderen Raum. Man lebt unter einem Dach, hält sich in denselben Zimmern auf, schläft im selben Bett, wälzt sich unter einer Decke. Die Lüge aber frisst sich mitten hindurch. Sie ist ein Graben. Unüberbrückbar. Sie macht, dass ein Haus in zwei Teile zerfällt. Und wer weiß, ob es sich mit der Wahrheit nicht ebenso verhält?

Kleines Fazit für großartigen Text

Zwei Aussenseiter finden sich im Roman. Erzählen sich ihre Lebensgeschichte, die für den Einen ein endgültiger Abschied wird, für den Anderen ein Anfang.

Einmal mit dem Buch begonnen, dem wird es schwer fallen, es zwischendurch abzulegen, um Alltägliches zu erledigen. Am Besten ist es, sich für die 136 Seiten einen Zeitpunkt auszusuchen, der es einem ermöglicht, diese poetische Sozialstudie in einem Rutsch durchzulesen.



Lesung Milena Michiko Flasar "Ich nannte ihn Krawatte"
(Wagenbach Verlag), Literaturhaus Salzburg, Mai 2012
Veranstalter: Verein Literaturhaus

http://www.youtube.com/watch?v=wGqj3Ucs4mc

Die in kursiv gehaltenen Textstellen sind Zitate aus obig genanntem Buch.

11
Okt
2012

...

Korsika-1-062
jbs
Korsika 2ooozehn

Kurt Tucholsky

Das Ideal


Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn -
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer - nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve -
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) -
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad - alles lenkste
natürlich selber - das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche - erstes Essen -
alte Weine aus schönem Pokal -
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten -
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

(1927)

... und Harry Rohwolt kann hier angehört werden:

http://www.youtube.com/watch?v=_R-cns8-X9o

28
Sep
2012

Verborgenes kennenzulernen

Korsika-7-067


Was man gemacht hat wird bedeutungslos
gegenüber der Neugier
was man noch alles machen könnte.


Lieblingszitat des Hannes Thanheiser ( Jahrgang 1925)
Schauspieler Musiker Sammler

Dem kann ich mich nur anschließen.
(Diese interessante Person habe ich bei einem Blognachbarn gefunden.
Vielen Dank Herr BL!)

Hannes Thanheiser macht auch Musik:
Cafe Schmalz live beim Zotti - Square dance
http://www.youtube.com/watch?v=95BBDCW9MrI

19
Sep
2012

desertifikation

Pausenlyrik

desertifikation

heute trieb
in einer pfütze
die ahnung

s
losig
keit.

man sah sie
durch wellen pflügen, auf
hügelkuppen steigen, durch
trockene steppen reiten.
augenblicke riskieren.

bumerang flog
ein stück -

und?

kam zurück!

aua!


jbs 2ooozwölf


Ton:
Antonio Calogero & Paul McCandless - May or Mai - Classical Guitar & Soprano Sax


http://www.youtube.com/watch?v=d_C2uL5aV6Q&feature=related

11
Sep
2012

Imre Török, der Logopoioi

Korsika-1-151
jbs

geist der reispflanze
ein akrobat der lüfte
schickt träume ins land

Imre Török, der Logopoioi

Imre Török, der Logopoioi. Ein neuzeitlicher Äsop, ein Geschichtenerzähler, der als Muttersprache die Poesie gewählt hat.
In seinem Buch „Das Buch Luzius“ spürt man seine Freude am Erzählen, am Darstellen wichtiger gesellschaftlicher Begebenheiten in Form eines alten Schatzes: der Fabel.

Hauptsache ist und bleibt bei der Fabel Volkstümlichkeit. Das notwendige Handwerkszeug dazu ist eine einfache und klare Sprache, ein frischer Plauderton, Anschaulichkeit und nicht zuletzt ein kräftiger Schuss von Humor und Schalkhaftigkeit.
Mit diesen Utensilien sowie einer gehörigen Prise Lebenskenntnis ausgerüstet, konstruiert Imre Török mit der Welt der Insekten und seiner Kunstfigur „Leuchtkäfer Luzius“ 15 Köstlichkeiten, denen das Kunstmärchen „Die Prinzessin und der Nomade“ vorausgeht.

Die Fabeln des Török streifen mit Luzius durch moderne Zeiten, beziehen sich auf den sozialen Wandel und darauf, menschliche Existenz zu deuten und zu verstehen.
Insbesondere der philosophische Gedanke: Hat das Leben einen Sinn? ist in dem 187 Seiten starken Buch verankert.

Der Huf eines blöden Kamels

Ziemlich zu Anfang des zweiten Teils: „… und andere Wahrheiten“ begegnet Luzius in der Wüste einem Skarabäus. Naserümpfend beobachtet der kleine vorwitzige Leuchtkäfer, wie der Skarabäus ununterbrochen Kotkügelchen vor sich her rollt:

„ „Eines kapier ich nicht. Diese ganze Masse von Skarabäen im Sand ist Tag für Tag damit beschäftigt, Kügelchen voll Scheiße vor sich her zu rollen. Ihr habt ja nicht einmal einen eigenen Namen, wenn jeder Skarabäus heißt. Und trotzdem glaubt ihr, dass ihr Heilige seid, die Glück bringen und die Wiedergeburt ermöglichen. Ist die Werdung neuen Lichts und die Glückseligkeit nicht viel eher auf der höchsten Spitze zu empfangen?“

Skarabäus machte eine Pause beim Drehen seiner stinkenden Kotkugel. Dann setzte er, ohne Spur von Beleidigtsein in der Stimme, zu einem längeren Monolog an.

„Glühwürmchen, Glühwürmchen, schimmre, schi-im-Re! Du bist ein leuchtendes Wesen, Luzius. Wie wir alle. Wann endlich ergreifst du von der Zukunft einen Zipfel? Du und wir und alle begreifen das Kommende doch kaum. Wohl hast du recht, dass die Menge hier unten viel Dreck bewegen und fressen muss. Es scheint, dass die Masse für die ferne Zukunft am wenigsten empfänglich ist. Wie sollte sie auch, wenn doch alle sich ständig in unzählige Richtungen verzetteln. Dadurch werden die Strahlen der Künftigkeit in tausend Himmelsrichtungen reflektiert. Vielleicht wird mancher an der Spitze die Morgenröte eher erblicken und gebündelt reflektieren.
Doch bedenke, meine goldiges Käferchen, wie du in deine Position gelangt bist. Wir, die Heerschar heiliger Skarabäen, haben die Pyramiden errichtet. Kein einzelnes Wesen kann die Warte künftiger Werte bauen. Dem Einzelnen dient eine Pyramide letztlich nur als Grab.
Wir drehen unsere Runden im Dreck weiter. Will ein Leuchtkäfer die Himmelsleiter erklimmen, sollte er Schweiß und Fäkalien am Fuße der Pyramide nicht außer Acht lassen. Ist nicht jeder winzige Globus aus Kot, den wir am Drehen halten, ein Nährboden? Einzig daraus wird Neues das Licht der Welt erblicken. Und ist ein Erleuchteter nicht in einem dreckigen Stall im Gestank von Urin und Kot zur Welt gekommen?“

Der Huf eines blöden Kamels begrub in diesem Augenblick Skarabäus im Sand. ..“


Nicht nur dieser mit Metaphern gespickte Monolog regt meine „Homo-sapiens-Synapsen“ zum Flug an. Töröks Schuss Humor beschwipst meine Gedanken.
„schi-im-Re“: Re, der ägyptische Sonnengott;
im-Re = Imre Török;
schi = Qi: Energie, Atem, Leben.
Vielleicht von mir überbedeutet, aber so oder so, geniale Silbenspielerei!

Nun muss man mit den nächsten Kapiteln aufpassen. Jeder neue Ausflug in eine andere Insektenwelt, z.B. in die Welt der Spinnen und ihr „allseits verlockender Handel im Netz,“ macht Lust aufs weiter lesen, dabei sollte man eine Köstlichkeit nach der anderen genießen und nicht verschlingen. Was allerdings nicht einfach ist. Die Seiten sind mit Metaphern gefüllt, wie Trüffelpralinen mit süßester Füllung.

Fire together, wire together

„Spinnen, so wusste er (Luzius), leben nach dem Motto des dreifachen Ws. Das aus dem weltumspannenden Internet bekannte www Punkt stand im Leben der Spinnen als Abkürzung für weltweites Warten.
Warten, warten, immer nur warten im Netz, dass ein surf-lüsternes Insekt online geht, damit man es mit Viren verseuchen und zum Aussaugen downloaden kann. Warten, nur warten, immerzu warten, dass man gesättigt wird, sobald jemand unvorsichtig ins Netz gegangen ist.
Da weben und stricken und knüpfen unzählige Spinnen ihre Fäden und umgarnen die ganze Welt. Segeln durch die sieben digitalen Weltmeere mit flatternder Piratenflagge. Wen kümmert es schon, dass auch die wunderbarste Vernetzung keinen Funken Erleuchtung bringt und schlussendlich nichts zum Beißen bietet. … „


Luzius verstrickt sich in den Spinnennetzen, kann sich zum Glück retten, nutzt die Atempause zum Auftanken und Träumen. Seine Geliebte Coccinella hilft ihm dabei . Am nächsten Tag stürzt er sich, neugierig, mit neuem Elan, in eine sehr dunkle Welt. Ein Besuch bei den A-SS-eln vernichtet fast seinen Glauben an das Gute in der Welt. Seiner blühenden Phantasie verdankt er die rettende Idee, dem Mauer-a-SS-elführer mit der Erklärung „Alles ist verkehrt. Alles ist aber alles.“ anzustacheln, durcheinander zu bringen. Dieses gelingt ihm auch bei der Rasselbande der Kellerasseln, der gegnerische Feind der Mauera-SS-eln ( anfangs verwirrender Doppelkonsonanteneinsatz, der im Laufe des Textes Wirkung zeigt!).
Kurz vor seinem Abflug aus dieser Welt , „sah Luzius auch Asseln, die verstohlen martialisch grimmig dreinschauten. Und er ahnte, diese Zeitgenossen würden irgendwann erneut mit dem alten ewigen Stunk beginnen.“

Obige Aussage weckt Erinnerungen an Nagib Machfus Roman „ Die Kinder unseres Viertels“. Nach längerer Zeit des Friedens kehrt wellenartig Aufruhr und Unterdrückung zurück. Die Frankfurter Rundschau schrieb dazu: „Die Parabel von der ewigen Spirale der Gewalt, vom Segen der Demokratie und vom Fluch des Vergessens ...“

Reisender im Mondlicht

Es dürfte im Wesen des Herrn Török liegen, der Reisende im Mondlicht, dass er beim bloßen Ausdruck seiner Erzählfreude nicht stehen bleibt, sondern seine Darstellung zum Sinn des Lebens in obiger Form zum Ausdruck bringt.
Luzius gehört schon jetzt zu meinen Büchern, die wegen zu häufigen lese(ns) Esel(s)ohren besitzen. In diesem Fall mit großer Freude!

„Asellus ist ein berühmter lateinischer Name und bedeutet Eselchen.“
Beschreibung des Unterführers der RaSSelbande. Sprach-und Wortjongleur Török! Mit einer besonderen Form des Anagramms, dem Palindrom, verspottet er braunes Gedankengut und trägt ein Stück weit die schwere Last der jüngeren Geschichte.

Fabula docet!
( Die Fabel belehrt!)

jbs

Die obig langen zitierten Textstellen aus dem Buch „ Das Buch Luzius“ sind mit freundlicher Genehmigung des Schriftstellers Imre Török veröffentlicht.


Auszug einer Török-Lesung, Ludwigsburg 2012
http://www.youtube.com/watch?v=v5LO3NQuicM


„Das Buch Luzius“ von Imre Török
http://wp.pop-verlag.com/?tag=imre-toeroek

Logopoioi
http://translate.google.de/translate?hl=de&sl=en&u=http://en.wikipedia.org/wiki/Logographer_(history)&prev=/search%3Fq%3Dlogopoioi%26hl%3Dde%26biw%3D1366%26bih%3D643%26prmd%3Dimvns&sa=X&ei=bOtOUM_qM6_R4QSSrIHQCQ&sqi=2&ved=0CCUQ7gEwAA

Äsop

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84sop

fire together, wire together
http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000006492/Marsch_Metaphern.pdf
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lou salome

"Vielleicht war vor den Lippen schon das Flüstern da und ohne Bäume tanzte schon das Laub."Ossip Emiljewitsch Mandelstam

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