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LLLL

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Steve Sem-Sandberg
Die Elenden von Łódź

2
Okt
2009

alternative postzustellung

wenn die post wieder einmal ihre arbeit nicht schaffen sollte,
hier nimmt man(n) das selbst in die hand,
halt-nein, auf den kopf.

Suedtirol-2009-056

gesehen und "bilderklau" von urs lüthi
"ART IS THE BETTER LIFE"

haiku 7

vollbremsung im flug
hypnotischer möwenblick
fische tauchen ab
jbs

Istrien-2008-214-

30
Sep
2009

Na, dann man guten Appetit!

Ob ich jemals wieder Krabben pule? Oder das leckere Krabbenfleisch erneut essen werde?
Nach der Lektüre „ Am Beispiel eines Hummers“ von David Foster Wallace kommen Zweifel auf. Einen Lobster werde ich sicher nie essen, aber Krabben, die Miniaturausgabe dieser Krebstiere, werde ich diese bei einem Nordsee-Besuch noch genießen können?

Im Auftrag des Magazins „Gourmet“ fährt Wallace 2004 nach Maine, um von einem Mega-Lobster-Festival zu berichten. Über fünfzigtausend ( 50.000!!!) Hummer werden dort zubereitet und gegessen. Wallace fragt sich, was im Inneren eines Hummers vorgeht, wenn der gesotten wird. Und er fragt sich, wie sich das Interesse des Menschen an gekochtem Hummer und dem berechtigten Wunsch des Hummers, am Leben zu bleiben, zueinander verhalten.

Also dann, an alle Lobster-Fans: Guten Appetit!

Textauszug:
Der weltgrößte Hummerkessel am Nordeingang ist nicht umsonst eine der Attraktionen auf dem Festgelände. Aber man stelle sich nur vor, auf einem „Nebraska Beef Festival“ kämen riesengroße Tiertransporter angefahren und kippten ihre lebende Ladung direkt auf die weltgrößte Freiluft-Schlachtbühne.
Undenkbar.
Ihren Höhepunkt erreicht die Intimität des Vorgangs natürlich zu Hause in der eigenen Küche, dort, wo mit Abstand die meisten Hummer zubereitet und gegessen werden. ( „Zubereitet“ ist natürlich eine Beschönigung, denn in Wahrheit bedeutet diese Zubereitung den Tod des Hummers.) Der Hergang dürfte im Wesentlichen immer derselbe sein: Man kommt vom Supermarkt nach Hause und trifft seine Vorbereitungen, setzt also das Wasser auf und was sonst noch zu tun ist. Dann holt man den Hummer aus der Tüte oder aus welcher praktischen Endkundenverpackung auch immer ... Doch genau in diesem Moment geschieht es, das Grauenhafte. Egal wie benommen der Hummer von seiner langen Reise sein mag, bei Kontakt mit dem kochenden Wasser erwacht er jedenfalls – alamierend! - zum Leben. Will man ihn aus der Verpackung direkt in den Topf schütten, kriegt man ihn häufig gar nicht heraus, so heftig klammert er sich daran fest. Auch versucht er mitunter, sich am Rand des Topfs aus der Gefahr zu ziehen – wie ein Mensch, der an einer Dachrinne hängt. Aber auch, nachdem der Hummer im Wasser untergangen ist, ja, selbst bei geschlossenem Deckel hört man, wie er sich dagegen wehrt und aus seiner Not entkommen will. Dieses Kratzen der Scheren an der Topfwand, die Stöße an den Deckel, wenn der ganze Körper hin und her peitscht! Mit anderen Worten, der Hummer verhält sich nicht anders, als wir uns verhielten, würde man uns ins kochende Wasser werfen, nur schreien kann er nicht. Noch deutlicher ausgedrückt, müsste man sagen, der Hummer verhält sich so, als litte er entsetzliche Qualen. Manche Köche finden diesen Akt so unerträglich, dass sie aus der Küche flüchten und erst zurückkommen, wenn ihnen die Eieruhr sagt, dass es vorbei ist.

29
Sep
2009

Hungerengel

Das Buch „Atemschaukel“ von Herta Müller stellt zwei Hauptdarsteller vor: Der erste Protagonist ist Leopold Auberg, ein Siebzehnjähriger, der 1945 in ein russiches Arbeitslager gebracht wird und ein 5 Jahre langes Martyrium überlebt.
Der zweite ( in meinen Augen ) sog. Protagonist ist der Hunger (-engel), der den Lagerinsassen Tag und Nacht, Jahr für Jahr ein Alb ist.
Ergreifend beschreibt Herta Müller mit Wortneuschöpfungen wie z.B. "Hautundknochenzeit, Hungerwort, Esswort, Hasoweh, Hungerengel, Eigenbrot und Wangenbrot" usw. das Hunger-und Arbeitsleben im Lager aus der Sicht von Leo. Es ist unglaublich, wie sensibel es Herta Müller versteht, ein entsetzliches Lagerdasein, mit einer bunten, schon fast poetischen Bildersprache zu beschreiben und den Leser dabei im grauen Matsch, im schwarzen Schnee, im Zement, in den verlausten Kleidern stehen lässt.
Wie der Dämon Hunger die Menschen in Hungerdelirien und -tod treibt, habe ich so intensiv nur noch bei Daniil Charms gelesen.
"Atemschaukel" ist ein Lese-Muss.

25
Sep
2009

Das Schönste vom Sonntag ist der Sonnabend Abend

Sonntagsmorgen im Bett
von Kurt Tucholsky, 1928

Was – was ist?
Ach so. Heute ist Sonntag. Da kann ich noch liegen.
Mit den Schultern kuscheln. Mich ans Kopfkissen schmiegen –
Aus alter Gewohnheit wacht man sonntags immer
so früh auf wie wochentags – das kommt vielleicht von dem
Schimmer
da von den Jalousien – was ist denn das für ein Geratter und
Gebraus?
Na, jedenfalls heute muß ich nicht raus.

Ich kann heute ganz stille liegen und ruhn.
Und muß gar nichts. Und hier kann mir keiner was tun.
So ein Bett ist eigentlich eine schöne Sache –
da müsste noch so eine Sonnenplache
drüber sein, und dann fährt man damit überall hin.
Woher kommt das, dass ich heute so furchtbar müde bin -?
Gerstern abend haben wir wesentlich zu viel Schwedenpunsch
Getrunken.
Paul war zum Schluß ganz in seinem Sessel versunken;
ich habe auch noch so einen komischen Geschmack im Mund
und---

Halb neun! Da muß ich richtig wieder eingeschlafen sein.
Sonntagsmorgen im Bett, das ist fein.
Das heißt: was nun noch kommt, ist weniger schön ....
Heute morgen muß ich zu Onkel Otto und Tante Frieda gehen –
Margot ist auch da, die keusche Lilie...
Warum, lieber Gott, ist man sonntags stets in Familie?
Vor Tisch sind sie beleidigt, und nach Tisch sind sie satt –
Wenn ich dran denke, wird mir jetzt schon ganz matt.

Abends ist Theater ... morgen muß ich unbedingt mal mit
Kempner telephonieren:
Er muß die Diele billiger tapezieren –
achtzig ist zu viel – der Junge ist wohl nicht ganz gesund!
und –

Halb zehn!
„ Willi! Aufstehn! Aufstehn!“
Ja, doch, ja!
Ich stehe ja schon auf, Mama –

Jetzt geht der Sonntag los! Nein: eigentlich ist er schon vorbei.
Jetzt kommen die Zeitungen und Briefe und Telefon und Geschrei.
Das ist nun weniger geruhsam und labend ...

Aber so ist das im Leben:
Das Schönste vom Sonntag ist der Sonnabend Abend.

19
Sep
2009

aus: Erich Kästner „Bei Durchsicht meiner Bücher...“

Veröffentlicht unter der Zulassung Nr. US-W- 1014 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung
( eine Jahreszahl erscheint erst nach Ende des Vorwortes)

Mein erstes Buch, der Gedichtband „Herz auf Taille“, erschien 1927. Und im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin, auf dem großen Platz neben der Staatsoper, von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit, beizuwohnen.
Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Triaden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. Der Kopf einer zerschlagenen Büste Magnus Hirschfelds stak auf einer langen Stange, die, hoch über der stummen Menschenmenge, hin und her schwankte. Es war widerlich.
Plötzlich rief eine schrille Frauenstimme: „ Dort steht ja Kästner!“ Eine junge Kabarettistin die sich mit einem Kollegen durch die Menge zwängte, hatte mich stehen sehen und ihrer Verblüffung übertrieben laut Ausdruck verliehen. Mir wurde unbehaglich zumute. Doch es geschah nichts. ( Obwohl in diesen Tagen gerade sehr viel zu „geschehen“ pflegte.) Die Bücher flogen weit ins Feuer. Die Triaden des kleinen abgefeimten Lügners ertönten weiterhin. Und die Gesichter der braunen Studentengarde blickten, den Sturmriemen unterm Kinn, unverändert geradeaus, hinüber zu dem Flammenstoß und zu dem psalmodierenden, gestikulierenden Teufelchen.
In dem folgenden Jahrdutzend sah ich Bücher von mir nur die wenigen Male, die ich im Ausland war. In Kopenhagen, in Zürich, in London. - Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein verbotener Schriftsteller zu sein und seine Bücher nie mehr in den Regalen und Schaufenstern der Buchläden zu sehen. In keiner Stadt des Vaterlands. Nicht einmal in der Heimatstatd. Nicht einmal zu Weihnachten, wenn die Deutschen durch die verschneiten Strassen eilen, um Geschenke zu besorgen. Zwölf Weihnachten lang! Man ist ein lebender Leichnam.
Es hat zwölf Jahre gedauert, bis das Dritte Reich am Ende war. Zwölf kurze Jahre haben genügt, Deutschland zugrunde zu richten. Und man war kein Prophet, wenn man, in satirischen Strophen, diese und ähnliche Ereignisse voraussagte. Daß keine Irrtümer vorkommen konnten, lag am Gegenstand: am Charakter der Deutschen. Den Gegenstand seiner Kritik muß der Satiriker natürlich kennen. Ich kenne ihn.
Das vorliegende Buch stellt eine Auswahl aus meinen vier vor 1933 erschienenen Gedichtbänden dar. Was in diesen ein „prophetischer“ Ausblick war, erscheint nun als geschichtlicher Rückblick. Während des Dritten Reichs kam in der Schweiz ein anderer Auswahlband heraus. Er heißt „ Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke“ ( Atrium-Verlag) und enthält Gedichte, die sich mit den privaten Gefühlen des heutigen Großstadtmenschen beschäftigen. Der vorliegende Band enthält, im Gegensatz dazu, Gedichte vorwiegend sozialen, politischen und gesellschaftskritischen Charakters.
Es handelt sich, wie gesagt, um einen Rückblick. Die Verse zeigen, wie es vor 1933 in den Großstädten und anderswo aussah. Und sie zeigen auch, wie ein junger Mann durch Ironie, Kritik, Anklage, Hohn und Gelächter zu warnen versuchte. Daß derartige Versuche keinen Sinn haben, ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist, daß die Sinnlosigkeit solcher Versuche und das Wissen um diese Sinnlosigkeit solcher Versuche und das Wissen um diese Sinnlosigkeit einen Satiriker noch nie zum Schweigen gebracht haben und niemals dazu bringen werden. Außer man verbrennt seine Bücher.
Satiriker können nicht schweigen, weil sie Schulmeister sind. Und Schulmeister müssen schulmeistern. Ja, und im verstecktesten Winkel ihres Herzens blüht schüchtern und trotz allem Unfug der Welt die törichte, unsinnige Hoffnung, daß die Menschen vielleicht doch ein wenig, ein ganz klein wenig besser werden könnten, wenn man sie oft genug beschimpft, bittet, beleidigt und auslacht.
Satiriker sind Idealisten.

München, zwischen Krieg und Frieden, 1946, Erich Kästner

Das Eisenbahngleichnis

von Erich Kästner

Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug.
Und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft, ein anderer klagt,
ein dritter redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus. Wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tür herein
und lächelt vor sich hin.

Auch er weiß nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fährt langsam und hält still.
Die Toten steigen aus.

Ein Kind steigt aus. Die Mutter schreit.
Die Toten stehen stumm
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit,
und niemand weiß, warum.

Die I. Klasse ist fast leer.
Ein feister Herr sitzt stolz
im roten Plüsch und atmet schwer.
Er ist allein und spürt das sehr.
Die Mehrheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug
zu Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupé.

16
Sep
2009

haiku 6

Suedtirol-Nr-2-093
yaks im gebirge
tenzins dach der welt es lebt
im alpenexil
jbs

Lust auf Tibet?

http://www.sonntag-aktuell.de/pagesoak/detail.php?id=987280

13
Sep
2009

haiku 5

Suedtirol-Nr-3-036

alemanneneis
schmelzwasser zischt brodelnd laut
metamorphose
jbs

11
Sep
2009

frédéric chopin

während eines mallorcaaufenthaltes 1838/39 entstanden manche seiner préludes.
er hatte sich mit seiner lebensgefährtin george sand und deren zwei kinder für kurze zeit dorthin zurückgezogen, mit der hoffnung, von seiner tuberkulose zu genesen. durch ungewöhnlich schlechtes wetter, nässe und kälte, sah er sich gezwungen im haus zu bleiben, für ihn sicherlich ein gefängnisaufenthalt. george sand war nicht immer im haus und während er ( wieder einmal ) auf sie wartete, tropfte der regen vor seinem fenster ständig monoton von der dachrinne herab. aus diesem „hörerlebnis/akkustischer qual“ ist anscheindend die inspiration der regentropfen préludes entstanden.
diese hatte er auf mallorca komponiert.


eine poetische biographie aus:

gottfried benn
statische gedichte

Chopin

Nicht sehr ergiebig im Gespräch,
Ansichten waren nicht seine Stärke,
Ansichten reden drum herum,
wenn Delacroix Theorien entwickelte,
wurde er unruhig, er seinerseits konnte
die Notturnos nicht begründen.

Schwacher Liebhaber;
Schatten in Nohant,
wo Georde Sands Kinder
keine erzieherischen Ratschläge
von ihm annahmen.

Brustkrank in jeder Form
mit Blutungen und Narbenbildung,
die sich lange hinzieht;
stiller Tod
im gegensatz zu einem
mit Schmerzparoxysmen
oder durch Gewehrsalven:
man rückte den Flügel ( Erard ) an die Tür
und Delphine Potocka
sang ihm in der letzten Stunde
ein Veilchenlied.

Nach England reiste er mit drei Flügeln:
Pleyel, Erard, Broadwood,
spielte für 20 Guineen abends
eine Viertelstunde
bei Rothschilds, Wellingtons, im Strafford House
und vor zahllosen Hosenbändern;
verdunkelt von Müdigkeit und Todesnähe
kehrte er heim
auf den Square d'Orléans.
Dann verbrennt er seine Skizzen
und Manuskripte,
nur Restbestände, Fragmente, Notizen,
diese verräterischen Einblicke - ,
sagte zum Schluß:
„ meine Versuche sind nach Maßgabe dessen vollendet,
was mir zu erreichen möglich war.“

Spielen sollte jeder Finger
mit der seinem Bau entsprechenden Kraft,
der vierte ist der schwächste
( nur siamesisch zum Mittelfinger).
Wenn er begann, lagen sie
auf e, fis, gis, h, c.

Wer je bestimmte Präludien
von ihm hörte,
sei es in Landhäusern oder
in einem Höhengelände
oder aus offenen Terrassentüren
beispielsweise aus einem Sanatorium,
wird es schwer vergessen.

Nie eine Oper komponiert,
keine Symphonie,
nur diese tragischen Progressionen
aus artistischer Überzeugung
und mit einer kleinen Hand.

josef winklers wimper

„ich reiß mir eine wimper aus und stech dich damit tot“ von josef winkler war als einstieg in die winkler-literatur ein dicker brocken für mich. verdauungszeit: geschätztes halbes jahr oder mehr, mal sehen.
neugierig gemacht hatte j.winkler mich nach seiner diesjährigen bachmannpreisrede sowie der kurz darauf veröffentlichte „offene brief an finanzminister josef pröll“ ( bundesfinanzminister von österreich und vizekanzler).
im klappentext las ich von poetologischen reportagen, reiseberichten zur heimatlosigkeit, vom näherrücken von todesfall zu todesfall.
aber das es so viele todesfälle werden, damit hatte ich nicht gerechnet.
winklers wiedergabe seiner beobachtungen, eingeschobenen zitaten ( im klappentext steht: „eingeschobene zitate als intarsien“) (solche bilder schätze ich) sind präzise, passen zum Inhalt der reportagen. er seziert peinlichst/unangenehmst genau dabei seine beobachtungen oder die im kopf wieder aufgerufenen erzählungen aus seinen kindertagen, so z.b. auf seite 34-36, der suicid des fünfzehnjährigen mädchens. oder der tödliche unfall des buben vom ignaz deweis, seite 40-41. oder der tod der uniformierten polizisten bei der rettung eines schwerverletzten, seite 46-47. oder die zurückgezogene hand aus der wasserleiche, während die andere das vanille-und schokoladeneis der erika pluhar und heidelinde weiss hielt ( seite 78 ). in jedem neuen kapitel tote.

in der mitte seiner erzählungen fügt j.winkler die geschichte des mexikanischen zuckertotenkopfes ein. ( was ist jetzt nun ein zuckertotenkopf? fragte ich mich).
andere länder, andere sitten. ich zitiere aus: http://www.tagesschau.de/ausland/friedhof2.html
dort wird auch beschrieben, was ein zuckertotenkopf ist:
„zum tag der toten aber kommen die verstorbenen zurück zu ihren familien. und dann wollen sie keine langen, grauen, verheulten gesichter sehen, sondern sie wollen eine fiesta mexicana auf ihren gräbern.
und die bekommen sie auch. mit allem, was dazu gehört: tequila und zigaretten liegen bereit, die lieblingsspeisen und süßigkeiten, vielleicht seine gitarre, sein lieblingsessen, fotos, kerzen und – ganz wichtig- ein zusätzlicher teller. der ist für die verstorbenen, die keine verwandten mehr unter den lebenden haben.“
der erste und der zweite november ist „der tag der toten“ in mexiko ( „der tod muß nicht nur traurig sein“, sagen die mexikaner). so einen tag hätte ich hier auch gerne!

beim lesen ensteht bei mir öfters der eindruck, dass winkler „überläuft“ im erzählen. er kommt vom hundersten ins tausendste. seine endlossätze, z.b. seite 69 -73, das erinnert mich stark an die erzählweise von imre kertész, kaddisch für ein ungeborenes kind. in einem atemzug werden gedanken wiedergegeben, die sozusagen am nordkap anfangen, über europa nach afrika führen, um über asien wieder ans nordkap zu gelangen. das muss man mögen, ansonsten erliegt man diesem erzählstrang.

das leben kommt bei winkler zum glück nicht zu kurz, da ist seine frau und da sind seine zwei kinder, er reist viel, liest viel, schreibt viel ( „wirklich, ich lebe nur, wenn ich schreibe“, zitat annemarie schwarzenbach, seite 17).
seine eltern leben lange, auch der ignaz deweis ( 97 jahre, seite 37).

josef winklers poetologische reportagen sowie seine reisebrichte zur heimatlosigkeit, seine häufigen Wort-/Satzwiederholungen, die todesfälle, die masse an informationen, zum ersten mal gelesen, ( vor allem auch die zitate sehr bekannter Autoren, die ich in meinem o.a. gedankengang völlig aussen vor gelassen habe. ), muten teilweise düster an. liegen schwer im verdauungstrakt.
aber: bei genauerem hinschauen und lesen eröffnet sich für mich ein neuer, ein anderer blickwinkel zum leben und tod ( siehe u.a mexiko). 125 seiten können sehr lang sein. es gibt noch reichlich zu ernten.
jbs
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lou salome

"Vielleicht war vor den Lippen schon das Flüstern da und ohne Bäume tanzte schon das Laub."Ossip Emiljewitsch Mandelstam

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